Es regnete. Nicht ein bisschen, sondern so richtig – mit Tropfen, die wie Glaskugeln vom Himmel fielen und auf das Dach der Teelaube trommelten, die sich über Nacht ein komplett neues Aussehen zugelegt hatte.
Drinnen saßen Mini-Wurz, Mausi und Rosie mit ihren Teetassen. Der Garten schimmerte grau-grün im Regen. Niemand sagte etwas.
Nur der Tee dampfte leise.
„Ich weiß“, brummelte Mini-Wurz schließlich und rückte seine Tasse zurecht. „Ich war in letzter Zeit etwas… unausgeglichen.“
Rosie blinzelte erstaunt. Mausi hob eine Augenbraue.
„Es ist nur… dieser Ambrosius. Seit er wieder da ist, ist alles irgendwie durcheinander in meinem Kopf.“
Er seufzte. „Vor vielen, vielen Jahren… Ich war kaum halb so groß wie jetzt und furchtbar stolz auf mein erstes eigenes Beet. Ganz allein angelegt – mit Semperviven, Löwenmäulchen und ein paar Kräutern, die ich liebevoll aufgezogen hatte.“
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht.
„Und dann kam Onkel Ambrosius zu Besuch. Mit seiner Weste voller Taschen und Geschichten aus fernen Gebieten. Er gab mir ein Samenkorn – angeblich selten, kostbar, magisch. Er meinte, es sei eine besondere Zauber-Funkie. Etwas ganz Feines vom Tauschhügel.“
„Ich hab’s natürlich gleich eingepflanzt“, fuhr Mini-Wurz fort. „Wollte ihm zeigen, wie ordentlich mein Beet war. Eine Stunde später wuchs da ein kleiner Baum – wie aus dem Nichts. Mit Blättern wie Flammenzungen und Früchten, die glühten wie Bernstein. Wunderschön.
Und gerade, als ich eine der Früchte pflücken wollte… ging das Ding einfach in Flammen auf.“
Mausi schlug sich die Pfote vor den Mund. Rosie flüsterte: „Das war sicher furchtbar für dich.“
„War’s auch. BÄM! Alles futsch. Der Baum, meine Pflanzen – nur Asche. Und mitten in der Asche lag das Samenkorn. Unversehrt. Ambrosius starrte das Korn an wie ein Gespenst. Und dann sagte er nur: ‚Ach herrje… da ist wohl am Tauschhügel etwas durcheinandergekommen.‘“
Mini-Wurz starrte in seinen Tee.
„Ich gab ihm das Samenkorn zurück. Ich wollte es nicht mehr haben. Nie wieder. Und er… er trägt es bis heute mit sich herum. Es war wohl gar keine Funkie, sondern der Samen vom Phoenixbaum. Ein einziger Same.
Er wächst blitzschnell, trägt innerhalb einer Stunde Früchte, dann stirbt er – mit einem riesigen Feuer. Und hinterlässt genau ein neues Samenkorn. Immer wieder… Und Onkel Ambrosius? Der hat sich nicht mal richtig entschuldigt und war einen Tag später schon wieder weg.“
Rosie legte eine Hand auf seine. „Ja, aber es tut ihm wirklich leid …“
Mini-Wurz sah sie misstrauisch an. „Woher willst du das wissen?“
„Ich habe ihn gestern im Blütenhain besucht“, sagte Rosie ruhig. „Und da hat er es erwähnt.“
Mini-Wurz schnaubte. „Aha.“
Rosie grinste neckisch. „Er sagte übrigens, du warst damals nur so groß wie ein umgedrehter Tontopf.“
Mini-Wurz schnaubte noch einmal – aber diesmal schmunzelnd.
Draußen ließ der Regen langsam nach.