Geschichte 21 - Herr Dippel und die Schneetanne

Geschichte 21 - Herr Dippel und die Schneetanne

Herr Dippel tauchte an einem ungewöhnlich frühen Morgen im Zaubergarten auf. Sehr ungewöhnlich sogar — denn normalerweise verließ der Regenwurm-Gentleman seine gemütlichen Teichlande nur, wenn etwas wirklich Wichtiges geschah. Heute allerdings war er besorgt. Das sah man daran, dass er seinen Spazierstock etwas zu fest hielt und sein Hut minimal schief saß.

„Mini-Wurz, mein Lieber“, begann er höflich, „ich hoffe, ich störe nicht. Aber… arbeitest du zufällig wieder an einer Schneemaschine?“

Mini-Wurz verschluckte sich an seinem Frühstückskeks. „WAS? Nein! Gar nicht! Seit DEM Vorfall fasse ich keine Frostmechanik mehr an.“ „Dem Vorfall“, wiederholte Herr Dippel bedeutungsschwer, „bei dem der halbe Zaubergarten vereist ist. Und ich…“
„…auf einem Froschlotosblatt festgefroren war“, ergänzte Rosie, die gerade herangeschwebt kam, hilfreich. „Das sah eigentlich hübsch aus.“
„Zum Glück macht mir Frost nichts aus, aber es war trotzdem kalt, verehrte Rosie“, sagte Herr Dippel mit seiner sanften, leicht vorwurfsvollen Stimme.

Mini-Wurz stemmte die Hände in die Hüften. „Also diesmal bin ich’s wirklich nicht! Wieso fragst du?“ Herr Dippel holte tief Luft. „Nun, die Türen meines unterirdischen Baus… klemmen.“
„Ach, das ist doch normal, Türen klemmen dauernd“, meinte Mini-Wurz.
„Nicht meine“, sagte Dippel trocken. „Sie klemmen, weil sich das Erdreich… zusammenzieht. Es wird kälter. Viel kälter. Und zwar dort, wo es niemals kälter wird.“

Rosie blinzelte. „Moment. Das hatten wir schon mal! Als die Schneetanne das letzte Mal aktiv war.“ Mini-Wurz runzelte die Stirn. „Sicher?“ – „Ganz sicher!“, sagte Rosie. „Es beginnt wieder.“

Sie machten sich gemeinsam auf den Weg zum Rand des Zaubergartens, wo die Schneetanne stand — wie immer in ihrem eigenen, kleinen Winter, während ganz Horvi ringsherum frühlingsgrün schimmerte. Doch heute fiel sofort etwas auf.

„Der Schnee ist blauer als sonst“, stellte Rosie fest. „Und härter“, ergänzte Mini-Wurz, der mit einem Stock darauf klopfte. „Viel härter.“ Herr Dippel beugte sich vor, berührte vorsichtig den Boden und schauderte. „Er zieht sich wirklich zusammen. Die Tanne muss erwachen.“

In diesem Moment ertönte ein leises knrrrrrrrk. Keine Bewegung, kein Wind — nur ein tiefes, altes Knarren, als würde ein Baum seine Knochen strecken.

„Oh! Sie leuchtet!“, rief Rosie und deutete nach oben. Die Äste der Schneetanne schimmerten sanft, fast wie funkelnde Eisadern. Ein feines, weißes Licht pulsierte zwischen den Zweigen, ganz ruhig, ganz stetig — wie ein Herzschlag.

Herr Dippel seufzte ergeben. „Dann stimmt es wohl. Die Schneetanne erwacht.“
„Das heißt…“, begann Mini-Wurz.
„…bald gibt es Geschenke!“, rief Rosie und klatschte erfreut in die Hände.
„…und ich muss mich die nächsten Wochen mit klemmenden Türen arrangieren“, vollendete Herr Dippel.

Mini-Wurz klopfte ihm auf die Schulter. „Ach, ich helfe dir! Ich baue dir eine Tür-Heizmaschine!“
„NEIN!“, rief Herr Dippel und hob beide Arme — was bei Regenwürmern sehr beeindruckend aussah.
„Vielleicht eher… einen warmen Tee?“, schlug Rosie vor.
„Ja. Tee wäre angenehm.“

Das Knarren wurde leiser, das Licht etwas heller.
Herr Dippel lächelte milde.
„Nun denn — wenn die alte Dame erwacht, sollte ich mich vorbereiten. Ich danke euch. Und… bitte keine Maschinen.“
Mini-Wurz schnaubte, aber grinste dann. „Versprochen.“
Fürs Erste.
Über ihren Köpfen rieselten ein paar Körnchen glitzernder Schnee herab — der allererste Adventshauch der Schneetanne.

Geschichte 21 - Herr Dippel und die Schneetanne – zweite Szene
Tipp aus dem Zaubergarten
Wenn sich etwas verändert, lohnt es sich hinzuschauen – ob im Boden der Teichlande oder im eigenen Alltag. Kleine Anzeichen erzählen oft schon die ganze Geschichte, man muss sie nur bemerken.