Im Pilzhaus duftete es nach Plätzchen. Mausi stand am Tisch und rollte einen neuen Teig aus, während neben der Schüssel ein kleines Asselkind saß – das jüngste aus der Trockenmauer. Es hieß Knöpfchen, weil es so rund und freundlich war wie ein frisch gebackenes Butterplätzchen. Knöpfchen schaute mit großen Augen zu.
Da schwebte Rosie durch das geöffnete Fenster herein, fing zwei Frostflocken mit dem Finger auf und lächelte. „Mausi, hast du schon alle Geschenke für das Lichtfest der Freundschaft zusammen?“ Knöpfchen spitzte sofort die Fühler. „Was ist das Lichtfest?“
Rosie setzte sich auf die Tischkante. „Das ist unser Weihnachtsfest. Also… so ähnlich. Es gibt das Lichtfest schon, solange man zurückdenken kann. Später haben die Bewohner Horvis angefangen, es Weihnachten zu nennen, aber keiner weiß genau, warum.“
Knöpfchen staunte. Rosie fuhr fort: „Und Sir Hupert Hoppenstedt – du weißt schon, der Grashüpfer mit dem Frack – seine Familie ist seit Generationen die Bewahrerin der Tradition. Er sorgt dafür, dass jeder von uns im Juni einen Umschlag mit drei Namen bekommt, die wir beschenken dürfen.“
Mausi nickte. „Und die Geschenke geben wir bis zum 23. Dezember bei Sir Hupert ab. Wie er sie am 24. verteilt… das weiß niemand.“ Knöpfchen grinste schief. „Nicht mal ihr?“ „Nicht mal wir“, sagte Mausi.
Mausi gab Knöpfchen eine kleine Tüte mit Plätzchen. „Und jetzt ab nach Hause, sonst machen sich deine Geschwister Sorgen.“ „Danke!“ piepste Knöpfchen und huschte hinaus.
Rosie wandte sich wieder Mausi zu. „Also? Hast du schon deine drei Geschenke?“ „Natürlich“, sagte Mausi. „Für Dr. Alva ein Winterkräuteröl, für Herrn Dippel Honig-Kakao und für Siggi ein Moospäckchen.“
„Und du?“, fragte sie Rosie. Rosie lächelte verlegen. „Das verrate ich dieses Jahr nicht.“ Mausi schmunzelte. „Dann hattest du entweder mich oder Mini-Wurz auf deiner Liste. Oder beide. Nicht wahr, Mini-Wurz?“
Mini-Wurz, der im Hintergrund Pflanzenstecker sortiert hatte, war plötzlich kreidebleich geworden. „Mini-Wurz…“, fragte Rosie langsam, „du hast doch schon angefangen, oder?“
„Also… ich… äh…“, machte Mini-Wurz und räusperte sich. „Ich HABE natürlich meinen Umschlag bekommen. Von Emma. Im Juni.“ Er sah in die Luft, als könnte dort zufällig die Antwort hängen. „Ich habe ihn nur… noch nicht geöffnet. Und im Moment fällt mir auch… nicht ein… wo er ist.“
Eine intensive Suchphase folgte. Mini-Wurz wühlte in Kisten, unter Papierstapeln, sogar hinter der Vorratskammerklappe. Schließlich fand er den Umschlag – leicht eingedrückt, aber eindeutig. Er öffnete ihn. Erst starrte er. Dann sank er auf einen Stuhl.
„Ambrosius…? Madame Spindella…? Und… Herr Stachl…?! Was hat Sir Hupert Hoppenstedt gegen mich?!“ Mausi hob beschwichtigend die Pfoten. „Gar nichts. Du weißt doch – er wählt die Namen nach einem strengen, sehr geheimen Verfahren. Das ist nicht persönlich.“ „Diesmal ist es eben etwas ungünstig gelaufen“, setzte Rosie sanft hinzu.
Mini-Wurz presste die Lippen zusammen, legte den Brief sehr ordentlich in eine Küchenschublade und schloss sie. „Da muss ich erstmal drüber schlafen.“ „Aber Mini-Wurz“, erinnerte Rosie, „wir müssen die Geschenke in drei Wochen abgeben.“ „Ja ja…“, machte er brummelig und stapfte davon. „Drei Wochen. Jede Menge Zeit.“