Der letzte Tag des Jahres begann im Pilzhaus ungewöhnlich leise. Normalerweise wäre Mini-Wurz längst auf den Beinen gewesen, hätte Zettel sortiert, Klemmbretter bereitgelegt und sich darüber beschwert, dass Schneebälle niemals wirklich gleich groß seien.
Heute jedoch lag er im Bett. Sehr gerade. Sehr ordentlich zugedeckt.
Und mit einer Miene, als habe der Winter persönlich beschlossen, ihm den Rest zu geben.
„Ich sag’s nur“, krächzte Mini-Wurz und zog die Decke ein Stück höher, „so fühlt sich das Ende an.“
Mausi stellte ihm eine dampfende Tasse Kräutertee auf den Nachttisch. Der Duft von Thymian, Lindenblüten und einem Hauch Honig erfüllte das Zimmer.
„Du hast Schnupfen“, sagte sie ruhig. „Und du hustest ein bisschen.“
„Ein bisschen“, wiederholte Mini-Wurz heiser. „Heute ist der Schneemann-… also… der große… na du weißt schon… Festtag.“
Er schniefte bedeutungsvoll. „Und ich bin die Jury.“
Rosie schwebte näher ans Bett und legte den Kopf schief. „Du bist ein Jurymitglied.“
„Auserkoren“, korrigierte Mini-Wurz schwach. „Mit Verantwortung.“
Mausi verschränkte die Arme. „Mit einer Erkältung gehört man nicht an die Schneetanne.“
Mini-Wurz öffnete den Mund zum Widerspruch – und musste stattdessen husten. Lange. Sehr eindrucksvoll.
Rosie war bereits unterwegs, noch bevor der Husten abgeklungen war.
Keine halbe Stunde später kündigte ein leises Flügelschlagen Besuch an.
Dr. Celestine Alva von Funkelstein landete elegant am Fensterrahmen, der weiße Kittel makellos, das kleine Ärztekäppchen perfekt ausgerichtet. Zwei Köfferchen schimmerten an ihren Seiten.
„Nun, nun“, sagte sie freundlich und musterte Mini-Wurz mit sachlichem Blick. „Wer liegt denn hier wie ein falsch gelagerter Gartenzwerg?“
Die Untersuchung war gründlich, aber kurz. Ein Blick, ein Horchen, ein sanftes Klopfen.
„Erkältung“, stellte Dr. Alva fest. „Nichts Dramatisches. Tee, Ruhe, Wärme für die Füße.“
Mini-Wurz hob schwach den Finger. „Aber… Jury…“
Dr. Alva winkte ab. „Das kann Herr Stachl übernehmen.“
Mini-Wurz’ Augen weiteten sich. „Herr… Stachl?“
Er sog erschrocken die Luft ein – was sofort wieder in Husten überging.
„Ich werde ersetzt“, flüsterte er matt. „Einfach so.“
„Du wirst geschont“, korrigierte Mausi.
Dr. Alva legte Mini-Wurz einen kleinen, warmen Heilstein auf die Brust. „Der hier hilft dir beim Atmen.“
In der Küche sprach sie leise mit Mausi und Rosie und übergab ihnen ebenfalls je einen Heilstein.
„Wann sollen wir ihm die geben?“, fragte Mausi.
Dr. Alva lächelte wissend. „Gar nicht. Die sind für euch. Für Kraft und Stärke.“ Sie warf einen Blick Richtung Mini-Wurz. „Er ist erkältet. Ein bisschen Ruhe und er ist in zwei, drei Tagen wieder fit. Aber bis dahin wird er sicher anstrengend.“
Kaum war Dr. Alva gegangen, flüsterte Mini-Wurz aus dem Bett:
„Mausi… hast du… das Silberbesteck gezählt?“
Mausi starrte ihn an. „Was?“
„Das Silberbesteck…! Nachzählen ist besser als Vertrauen“, murmelte er ernst.
Am Mittag wurde Mini-Wurz zunehmend schwächer. Zumindest klang es so.
„Ihr geht doch nicht ohne mich zum Fest?“, fragte er schließlich leise.
Mausi setzte sich zu ihm. „Ich bleibe natürlich hier.“
Rosie nickte. „Ich gehe und verteidige meinen zweiten Platz.“
Mini-Wurz seufzte tief. Sehr tief.
„Dann… dann sag allen… ich habe mein Bestes gegeben.“
Kaum war Rosie außer Haus, begann er mit flacher Stimme Anweisungen zu erteilen.
„Die goldene Funkie braucht gleichmäßiges Licht“, sagte er. „Und keine Experimente.“
„Meine Werkstatt geht an Ambrosius. Die wichtigen Garten-Aufzeichnungen kommen in den Bibliotheksbaum. Aber nicht neben die Gedichte.“
Mausi verdrehte die Augen, stellte ihm einen frischen Tee hin und griff unauffällig an den Heilstein in ihrer Schürzentasche.
Am Abend schwebte Rosie wieder zur Tür herein. Leicht verschneit, aber strahlend.
„Zweiter Platz“, sagte sie. „Bei der Abstimmung haben nur zwei Schneebälle zum ersten Platz gefehlt.“
Mini-Wurz richtete sich erstaunlich flott auf. „Wirklich?“
Er räusperte sich. „Nun… dann… dann ist ja noch Hoffnung.“
Er zog die Decke etwas zurück, griff nach dem Tee und nickte entschlossen.
„Vielleicht erlebe ich das nächste Jahr doch noch.“
Mausi lächelte.
Und an der Schneetanne begann – ganz ohne sie – die fröhliche Schneeballschlacht.