Rosie war in letzter Zeit erstaunlich oft verschwunden.
Auffällig oft…
„Ich sage ja nur“, brummte Mini-Wurz und rückte seine Mütze zurecht, „so fängt das immer an.“
„Was denn?“, fragte Mausi.
„Na, du weißt schon. Bekanntschaften“, sagte Mini-Wurz ernst. „Oder schlimmer. Verehrer.“
Mausi schnaubte leise. „Rosie hätte uns das erzählt.“
Mini-Wurz seufzte. „Hoffentlich hat sie eine gute Wahl getroffen! Ordentlich. Pünktlich. Keine riskanten Hobbys. Und bitte mit Respekt vor Funkien.“
Mausi seufzte. „Rosie hat ganz sicher keinen Freund…“
„Sie sollte ihn uns vorstellen“, murmelte Mini-Wurz. „Ich hätte da ein paar Fragen vorbereitet.“
Mausi rollte mit den Augen…
…und stellte fest, dass Rosie heute schon wieder ungewöhnlich lange weg war.
Am nächsten Morgen stand Mini-Wurz vor dem Kühlschrank und runzelte die Stirn.
„Meine Kräutermilch ist schon wieder fast leer.“
Mausi sah auf. „Das kann nicht sein. Ich habe gestern erst neue gemacht.“
Mini-Wurz hob den Finger. „Ich habe nur einen kleinen Schluck genommen. Einen ordentlichen, aber kleinen.“
Sie schauten in den Krug. Tatsächlich: genau die Hälfte fehlte.
Mausi beugte sich vor. „Das ist jetzt der dritte Tag.“
Mini-Wurz schmunzelte. „Vielleicht benutzt Rosie sie für eine Gesichtsmaske. Für ihren… Verehrer.“
„Sie hat keinen Verehrer…“, sagte Mausi, war sich inzwischen aber auch nicht mehr ganz sicher.
„Wir gehen ihr nach“, sagte Mini-Wurz entschlossen. „Ich hole meinen Rucksack und das Fernglas.“
Mausi wollte etwas sagen, gab sich dann aber geschlagen. „Na schön. Aber wir folgen ihr nur. Heimlich.“
Im Pilzhaus lagen sie auf der Lauer, als Rosie mit einem kleinen Rucksack das Baumhaus verließ.
Sie folgten ihr durch den Blütenhain und versteckten sich immer wieder im Gebüsch. Mini-Wurz blieb mit der Mütze an einer Reihe Dornen hängen.
„Was bei allen Semperviven?!?“ entfuhr es ihm.
„Pssst“, machte Mausi, aber Rosie flog einfach weiter.
Inzwischen waren sie am Rand des Wäscheleinenwaldes angekommen.
Rosie blieb vor einem morschen Stamm stehen, der quer über dem Boden lag.
Mini-Wurz ließ sich auf alle Viere fallen und begann, vorsichtig durchs Gebüsch zu robben.
Mausi blieb stehen. „Was machst du da?“
„Ich schleiche mich an“, flüsterte Mini-Wurz.
Mausi sah sich um. „Die Büsche sind hoch genug, um uns dahinter zu verstecken. Wir bleiben hier und beobachten.“
Mini-Wurz hielt inne. „Okay.“ Dann richtete er sich langsam wieder auf.
Rosie stellte sorgfältig drei kleine Schälchen vor den Stamm, goss Milch hinein und setzte sich etwas abseits ins Gras.
„Das ist meine Milch!“, rief Mini-Wurz empört und trat hinter dem Gebüsch hervor.
Rosie erschrak, drehte sich um und bedeutete den beiden hastig, leise zu sein. Dann zeigte sie auf den Stamm und wartete.
Einen Moment lang geschah nichts.
Dann lugte plötzlich ein weißer, flauschiger Kopf aus einer kleinen Höhle unter dem Stamm hervor.
Kurz darauf folgte ein braun-grau getigerter – und schließlich ein schwarz-weißer.
„Kätzchen!“, flüsterte Mausi aufgeregt.
Die drei stürzten sich gierig auf die Schälchen.
Mini-Wurz starrte fassungslos.
„Und sie trinken meine Milch.“
Die beiden traten langsam an Rosie heran.
„Das sind deine Verehrer?“, fragte Mini-Wurz misstrauisch.
„Verehrer?“, wiederholte Rosie verwirrt.
Mausi rollte mit den Augen. „Entschuldige“, sagte sie. „Wir haben uns Sorgen gemacht und sind dir gefolgt.“
Rosie sah von den Schälchen zu den Katzen und dann wieder zu ihnen.
„Ich habe sie hier zufällig gefunden“, erklärte sie leise. „Sie wissen selbst nicht, wie sie hierhergekommen sind. Sie verstecken sich die meiste Zeit in der Höhle unter dem Stamm.“
Sie deutete auf den weißen Kater. „Das ist Monty.“
Dann auf die getigerte Katze. „Missy.“
Und schließlich auf das schwarz-weiße Kätzchen. „Und Leody.“
„Die Armen“, sagte Mausi leise. „Sie leben hier ganz allein?“
Mini-Wurz beäugte den morschen Stamm über der Höhle und verzog das Gesicht.
„Sehr stabil sieht das nicht aus.“
Wie aufs Stichwort ertönte ein lautes Knacken.
Der Stamm brach, rutschte zur Seite und stürzte polternd in die kleine Kuhle darunter.
Leody sprang mit einem beherzten Satz zur Seite.
Mausi holte scharf Luft. „Hier können sie nicht bleiben. Wir nehmen sie mit in den Zaubergarten.“
„Das kommt überhaupt nicht infr—“, setzte Mini-Wurz an.
Doch da schlich Monty bereits um seine Beine, setzte sich und sah ihn mit großen, ruhigen Augen an.
Mini-Wurz seufzte.
„Na gut“, murmelte er. „Aber wehe, ich bekomme eine Katzen-Allergie.“