Geschichte 30 – Leody und die Blatt-Falle

Geschichte 30 – Leody und die Blatt-Falle

Herr Stachl war empört.
Er rückte seine Brille zurecht, stützte sich auf seinen Spazierstock und deutete mit zitternden Fingern auf seine Fußmatte. „Es ist System dahinter, ich sage es euch! Das ist gezielte Sabotage!“

Mini-Wurz, Mausi und Rosie standen vor dem laubumwachsenen Bau des Igels.
„Ein… Blatt, Herr Stachl?“, fragte Mausi vorsichtig.

„Nicht nur EIN Blatt!“, rief Herr Stachl.
„Jeden Morgen liegt ein einzelnes, großes, völlig unordentliches Ahornblatt direkt vor meiner Schwelle. Ich räume es weg, lege es in meinen Eimer für Kompost-Abfälle – und am nächsten Tag? Wieder da! Jemand will, dass ich ausrutsche. Jemand will meine Autorität als Ordnungsbeauftragter untergraben!“

Mini-Wurz kratzte sich am Bart. „Vielleicht ist es der Wind?“
„Der Wind legt keine Blätter exakt parallel zur Türschwelle, Mini-Wurz!“, brummte der Igel und notierte etwas in sein Notizbuch.

Während die anderen noch rätselten, schlich sich ein ungutes Gefühl in Rosies Magen.
Sie warf einen Blick zurück zu ihrem Baumhaus, wo Leody gerade versuchte, ihren eigenen Schwanz zu fangen. Leody liebte Blätter. Sie jagte sie, sie erlegte sie – und sie brachte sie mit Vorliebe dorthin, wo sie jemanden besonders mochte.

„Ich werde dem ein Ende setzen“, verkündete Herr Stachl düster.
„Ich werde… Sicherheitsvorkehrungen treffen. Wer auch immer mir dieses Blatt bringt, wird beim nächsten Mal eine Überraschung erleben!“

Rosie wurde blass. Eine „Sicherheitsvorkehrung“ bei Herrn Stachl bedeutete meistens nichts Gutes.

Sobald es dunkel wurde, legte Rosie sich im Baumhaus auf die Lauer.
Tatsächlich: Gegen Mitternacht sprang Leody, die Ohren flach angelegt und ein riesiges, raschelndes Blatt im Maul, den Baum hinunter. Sie wirkte sehr stolz.

„Oh nein, Leody, bleib stehen!“, flüsterte Rosie und schwang sich in die Luft. Sie folgte dem kleinen Wildfang im Tiefflug durch den Garten. Leody steuerte zielstrebig auf Herrn Stachls Terrasse zu.
Rosie sah, dass der Igel dort eine kleine Grube ausgehoben und sie mit dünnen Zweigen getarnt hatte – eine klassische Igel-Falle!

„Leody, stopp!“, rief Rosie und wollte sie am Fell packen.
Doch in der Dunkelheit verhedderte sie sich in einem tief hängenden Ast, geriet ins Trudeln und –
Wusch! Krach!
Rosie landete mitten in der Grube.

Leody hielt erschrocken inne, tappste zum Rand der Grube und versuchte, Rosie mit der Pfote zu erreichen.
Als das nicht klappte, drehte sie sich um und kratzte hektisch an Herrn Stachls Tür. Kratz-kratz.
Miau!

Die Tür flog auf.
Herr Stachl erschien mit einer Laterne und erhobenem Spazierstock.
„Hab ich dich, du Halunke! Ich—“

Er hielt inne. Das Licht der Laterne fiel in die Grube.
„Rosie?“, fragte er entgeistert. „Guten Abend, Herr Stachl“, sagte Rosie mit zerknitterten Flügeln aus dem Loch heraus.
„Ich… ich wollte nur nach dem Rechten sehen.“

„Was ist das für ein Lärm zur Geisterstunde?!?“
Eine melodische Stimme erklang, und Dr. Alva von Funkelstein schwebte mit ihren glänzenden Köfferchen heran.
„Ich war gerade auf dem Heimweg von einer Nachtschicht bei den Glühwürmchen. Rosie, das sieht nach einer klassischen Bruchlandung aus.“

Mit geübten Griffen half Herr Stachl der Elfe aus der Grube, und Dr. Alva klebte ihr zwei sanft leuchtende Heilpflaster auf die Flügel.
Dann hielt sie inne und starrte Leody an, die sich treuherzig an Rosies Bein rieb.

„Sagt mal… seit wann haben wir Katzen im Zaubergarten?“, fragte sie verwundert und rückte ihr Ärztekäppchen zurecht.

„Das ist Leody“, erklärte Rosie verlegen.
„Sie gehört jetzt zu mir. Und Herr Stachl… das mit den Blättern… das war sie.“
Herr Stachl schnaubte. „Sie wollte mich zu Fall bringen?“

„Ganz im Gegenteil“, warf Dr. Alva ein und schmunzelte.
„Katzen legen ihre Beute – und für diese Kleine hier ist ein Blatt eine Beute – nur vor Türen von Leuten, die sie sehr respektieren. Das ist eine Liebesbotschaft. Ein Geschenk.“

Stille kehrte auf der Terrasse ein. Herr Stachl sah von dem zerknitterten Blatt zu dem kleinen, schwarz-weißen Kätzchen hinunter.
„Ein… Geschenk?“, murmelte er.

Er rückte seine Brille zurecht und räusperte sich.
„Nun ja. Wenn das so ist… dann ist es zwar immer noch unordentlich, aber… durchaus höflich. Ich werde meine Notizen entsprechend korrigieren.“

Am nächsten Morgen saßen alle in der Teelaube.
Herr Stachl hatte die Grube zugeschüttet und Leody sogar ein wenig hinter den Ohren gekrault – sehr vorsichtig, um nicht mit den Stacheln zu piken.
„Ende gut, alles gut“, sagte Mausi zufrieden.

Mini-Wurz, der gerade seine Kaffeetasse hob, warf einen prüfenden Blick auf Herrn Stachl.
„Ich hoffe nur, dass die gute Frau Doktor dir als Honorar nicht heimlich einen silbernen Löffel gemopst hat. Sie hat immer so einen verdächtigen Glanz in den Augen, wenn sie Metall sieht!“

Mausi rollte mit den Augen.
Rosie lachte –
und Leody jagte bereits das nächste Blatt.
Diesmal allerdings in die entgegengesetzte Richtung.

Geschichte 30 – Leody und die Blatt-Falle – zweite Szene
Tipp aus dem Zaubergarten
Nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Das gilt im Zaubergarten genauso wie im echten Garten. Wer aufmerksam hinschaut und das Gespräch sucht, kann so manches Missverständnis ganz leicht aus dem Weg räumen.