Geschichte 32 – Valentinstag und viele Küsse

Geschichte 32 – Valentinstag und viele Küsse

Die Mittagssonne glitzerte auf dem Reif des Rosenbogens, unter dem Sir Hupert Hoppenstedt bereits seit den frühen Morgenstunden patrouillierte. Sein Frack war frisch gebürstet, das Monokel glänzte, und in seiner rechten Hand hielt er den dünnen Zeremonienstock, mit dem er rhythmisch auf das Moos klopfte.

„Noch drei Minuten“, verkündete er mit sonorer Stimme und blickte auf seine goldene Taschenuhr. „Etikette ist das Fundament der Zuneigung, meine Damen und Herren. Ein verspäteter Dank ist wie ein kalter Tee – trinkbar, aber ohne Würde.“

Er ließ den Blick über die Versammelten schweifen und nickte knapp. „In sechzig Sekunden schließt das offizielle Annahme-Fenster für die Dankesbotschaften.“

Die Uhr tickte. Sir Hupert rührte sich nicht. Punkt 13 Uhr hob er den Stock – und genau in diesem Moment polterte Mini-Wurz um die Ecke. Er war außer Atem, seine Mütze saß schief, und er wedelte mit einem leicht zerknitterten Papierfetzen.

„Hier!“, rief er. „Gerade noch …“
Sir Hupert klappte die Taschenuhr mit einem vernehmlichen Klick zu. „Dreizehn Uhr und eine Minute, werter Mini-Wurz.“

„Ach komm schon, Hupert“, japste Mini-Wurz. „Es war nur eine Minute! Die Wander-Wurzeln haben den Weg blockiert, das war höhere Gewalt.“
Sir Hupert richtete sich zu seiner vollen, beeindruckenden Grashüpfer-Größe auf. „Eine Minute ist der Unterschied zwischen einer feierlichen Zeremonie und reinem Freizeitvergnügen. Unpünktlichkeit ist der Rost an der Angel der Freundschaft!“

„Ja, ja“, murmelte Mini-Wurz und verschwand kleinlaut auf seinem Platz.
Sir Hupert räusperte sich ausgiebig, rückte sein Monokel zurecht und schritt zu seinem Tisch am Rosenbogen. „Da wir nun – trotz logistischer Nachlässigkeiten – vollzählig sind: Die Zeremonie beginnt!“

„Meine Damen und Herren“, rief er sonor und breitete alle vier Arme aus. „Wir versammeln uns heute, wie an jedem Valentinstag, hier im Rosengarten, um jenen zu danken, die unseren Alltag heller machen – und um einer ganz besonderen Person unsere Wertschätzung zu zeigen.“

Er griff nach seinem Wasserglas, um die Stimme zu ölen, doch ein tückischer Windstoß wirbelte ein Ahornblatt direkt über den Tisch. Leody, die auf einer nahen Bank döste, sah nur eines: Beute. Mit einem gewaltigen Satz schoss die Katze mitten durch die Szenerie. Sir Hupert hielt die Zettel zwar eisern fest, doch sein Wasserglas ergoss sich im hohen Bogen über den Stapel. Die Tinte begann augenblicklich in blauen Schlieren zu verlaufen.

Sir Hupert erstarrte kurz, rückte sein Monokel zurecht und bewahrte die Haltung. „Ein kleiner … atmosphärischer Zwischenfall. Wir fahren fort.“
Er zog den ersten nassen Zettel hervor. „An Mini-Wurz: Vielen Dank für die vielen Küsse im Herbst!“

Mini-Wurz lief rot an und sah sich um. „Küsse?“ Mausi räusperte sich vernehmlich.
„Herr Hoppenstedt!“, rief ein Eichhörnchen aus der letzten Reihe. „Da muss Nüsse stehen! Mini-Wurz hat mir beim Sammeln geholfen!“

„Ach ja“, sagte Sir Hupert ungerührt. „Die Buchstaben sind hier tatsächlich etwas … mobil.“
Er griff zum nächsten Blatt. „An Dr. Alva: Danke für die teuflischen Torturen.“

Dr. Alva von Funkelstein hob amüsiert eine Braue. Emma, die Schnecke, meldete sich. „Es muss ‚traumhaften Tinkturen‘ heißen.“
„Ja, so ist es wohl …“, brummte Sir Hupert und fischte das nächste Papier heraus. „An Mausi: Dein Schlamm-Kuchen ist der beste der Welt.“

„Schlamm-Kuchen?“, rief Mausi entsetzt. Muffel, der Chef der Maulwurf-Feuerwehr, räusperte sich. „Schmand-Kuchen! Da steht ganz sicher Schmand-Kuchen!“
Sir Hupert zog einen weiteren nassen Zettel hervor. „An Rosie: Danke, dass du immer so wunderbar im Garten ringst.“

Rosie kicherte und ließ ein wenig Elfenglanz von ihren Flügeln rieseln. „Ich glaube, dort steht singst, Sir Hupert. Ich ringe höchstens mit störrischen Rosenknospen.“

Sir Hupert legte den Zeremonienstock beiseite und sah in die Runde der verwirrten Gesichter. „Nun“, sagte er und stellte sich zu seiner vollen Größe auf, „wie es scheint, hat das Wasser die Tinte besiegt, aber nicht unsere Absicht. Ein paar ehrliche Worte, von Angesicht zu Angesicht, sind ohnehin schwerer wegzuspülen als Tinte auf Papier.“

Muffel trat vor und dankte Mausi persönlich für den Kuchen. Emma schenkte Dr. Alva ein freundliches Nicken, und Rosie flog eine kleine Runde um Sir Hupert, um ihm für die würdevolle Leitung zu danken.
So wurde aus dem verwaschenen Nachmittag das herzlichste Fest des Jahres.

Denn am Ende lernten alle: Für ein echtes Dankeschön ist es nie zu spät – selbst wenn man eine Minute zu spät kommt.

Geschichte 32 – Valentinstag und viele Küsse – zweite Szene
Tipp aus dem Zaubergarten
Ein geschriebener Gruß ist wunderschön – doch nichts ersetzt ein ehrliches Wort von Herz zu Herz. Wenn Tinte verläuft oder Worte verschwimmen, bleibt ein persönliches Dankeschön immer das Wertvollste.