Es war ein ruhiger Vormittag im Zaubergarten. Mini-Wurz saß auf einem kleinen Hocker und beäugte kritisch eine seiner Primeln. „Ein bisschen mehr Dünger? Oder doch mehr Wasser?“, murmelte er und hielt eine kleine Gießkanne bereit.
Da schallte plötzlich eine Stimme über den Gartenzaun. Sie klang wie das Geräusch, wenn man mit einem nassen Finger über eine Fensterscheibe fährt – schrill, geschäftig und ungeheuer überzeugt von sich selbst. „Hallo! Wie gut, dass ich gerade in der Nähe bin! Ich konnte nicht umhin zu bemerken, dass Ihre Primel an einer klassischen Unterbegeisterung leidet!“
Ein kleiner Kerl im blauen Anzug, den Koffer fest im Griff und die Haare messerscharf frisiert, steuerte auf das Beet zu. Mini-Wurz richtete sich langsam auf.
„Herr Riffel!“, sagte er und bemühte sich um ein freundliches Gesicht. „Lange nicht mehr gesehen!“ Er wandte seinen Blick kurz zum Himmel und grummelte unhörbar in seinen Bart: „Nicht lange genug …“
„Mein Name ist Programm, meine Lösungen sind Legende!“, rief Rechthab Riffel und klappte schwungvoll seinen Koffer auf. „Vergessen Sie herkömmliche Gießkannen. Darf ich vorstellen: Der ‚Hydro-Injektor 4.0‘! Er injiziert Wasser und Nährstoffe direkt in die Aura der Pflanze. Ich habe es persönlich an mir selbst getestet! Sehen Sie, wie mein Fell glänzt?“ Riffel strich sich über sein pomadiges Fell, das tatsächlich verdächtig glänzte.
Mini-Wurz hob eine Augenbraue. „Das ist … technisch sehr ambitioniert, Herr Riffel. Aber ich glaube, meine Primel bevorzugt die klassische Methode.“
„Ahh! Ich sehe schon … Ein skeptischer Kunde!“, entgegnete Riffel eifrig und kramte weiter. „Wie wäre es dann mit diesem ‚Schnecken-Schlotterer‘? Er erzeugt sanfte Erd-Resonanzen, die Schnecken glauben lassen, es gäbe ein Erdbeben. Und das mögen sie natürlich nicht …“
„Wissen Sie was, Herr Riffel?“, unterbrach ihn Mini-Wurz höflich. „Ich muss kurz ins Pilzhaus, um Kräutertee aufzusetzen. Warten Sie doch einen Moment.“
Mini-Wurz schlüpfte eilig ins Haus. Mausi stand am Herd und rührte in einem Topf. „Mausi, schnell!“, flüsterte er. „Rechthab Riffel steht im Beet und will mir einen Schnecken-Schlotterer verkaufen. Geh du doch bitte raus und rede mit ihm. Schließlich gehört er zu deiner Verwandtschaft.“
Mausi erstarrte. Sie drehte sich langsam um, die Kelle erhoben. „Er gehört zu meiner WAS? Mini-Wurz, das ist ein Rattling! Mit Mäusen ist er überhaupt nicht verwandt. Das ist eine völlig andere Gattung, und das weißt du ganz genau!“
Draußen hatte Riffel derweil ein neues Opfer gefunden. Rosie war gerade im Landeanflug auf das Pilzhaus, als der Vertreter sie abfing. „Ah, ein Wesen der Lüfte!“, rief Riffel und hielt ihr eine seltsame Brille mit zehn verschiedenen Gläsern entgegen. „Darf ich Ihnen die ‚Aroma-Zoom-Brille‘ vorstellen? Damit sehen Sie den Duft der Rosen, bevor Sie ihn überhaupt riechen können!“
Rosie blinzelte verwirrt durch die vielen Linsen. „Aber … ich rieche und sehe die Rosen doch ohnehin.“ „Aber nicht in dieser Qualität!“, beharrte Riffel.
Mini-Wurz trat wieder ins Freie und eilte Rosie zu Hilfe. „Herr Riffel!“, rief er dazwischen. „Mir fällt gerade was ein! Wissen Sie, wer neulich über die mangelnde Aura seiner Hecken und schlechte Sicht klagte? Herr Stachl. Er liebt solche Innovationen.“
Riffels Ohren zuckten wie wild. „Herr Stachl? Ein Mann mit Visionen! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?“
Eilig packte er die Aroma-Brille und den Schnecken-Schlotterer zurück in seinen Koffer. „Ich danke Ihnen für den Hinweis, Herr Wurz! Verehrte Elfe, man sieht sich im Geschäft des Lebens!“
Mit einem zackigen Gruß und wehendem Sakko eilte Herr Riffel in Richtung Igelbau. Mini-Wurz und Rosie sahen ihm schweigend nach, bis das Klappern seines Koffers in der Ferne verhallte.
„Glaubst du, Herr Stachl wird sich freuen?“, fragte Rosie leise. Mini-Wurz betrachtete wieder seine Primel und gab ihr einen ganz gewöhnlichen Schluck Wasser aus seiner ganz gewöhnlichen Gießkanne. „Sagen wir es so, Rosie: Es wird zumindest ein sehr ereignisreicher Nachmittag für ihn.“