„Du hast Recht, Mausi! Staubtrocken“, brummte Mini-Wurz und rieb ein vertrocknetes Blatt Salbei zwischen den Fingern. „Sogar der Thymian im Kräuter-Gebirge lässt die Köpfchen hängen. Was bei allen Semperviven ist da los?“
Mausi sah besorgt zum Horizont. „Siggi und die Feuerwehr sagen, die unterirdische Wasserader führt keinen Tropfen mehr. Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, vertrocknet uns der halbe Südwesthang.“
„Es hilft nichts“, sagte Mini-Wurz und rückte seine Mütze zurecht. „Wir müssen zum Kobold-Brunnen. Wenn einer weiß, wo das Wasser feststeckt, dann der Brunnen-Kobold.“
Rosie flatterte unruhig von einer welken Blüte zur nächsten. „Der Kobold-Brunnen?“, piepste sie und ein kleiner Schauer schüttelte ihre Flügel. „Da geht doch seit Ewigkeiten niemand mehr hin. Man sagt, der Brunnen sei verwaist. Keiner hat diesen Kobold seit Jahrzehnten gesehen – manche glauben sogar, es gäbe ihn gar nicht mehr und nur die grimmige Steinfratze hält dort noch Wache.“
Doch Mausi und Mini-Wurz ließen sich nicht beirren. Als sie schließlich vor dem makellosen Mauerwerk standen, wirkte die steinerne Fratze im fahlen Licht tatsächlich so, als würde sie jeden Eindringling genau beobachten. Es herrschte eine unheimliche Stille. Kein Gluckern, kein Rauschen – nur gähnende Leere in der Tiefe.
„Hallo?“, rief Mausi zaghaft über den Rand. „Ist da jemand?“
Nichts. Nur das Echo ihrer eigenen Stimme kam zurück. Mini-Wurz kramte in seiner Tasche, fischte ein paar Kieselsteine heraus und ließ sie nacheinander fallen. Pling. Plong.
„Mini-Wurz!“, zischte Mausi. „Das ist unhöflich. Man bewirft keine Brunnenbewohner mit Steinen!“ „Ich will ihn ja nicht treffen, ich will ihn nur wecken“, rechtfertigte er sich. „Der schläft bestimmt. Vielleicht sollte ich ein Seil holen und mal nachsehen?“
Rosie schüttelte heftig den Kopf, wobei ein wenig Elfenglanz in den Brunnen rieselte. „Dort hinunter? In dieses endlose Schwarz? Niemals!“
„Vielleicht könntest du… nur ein Stückchen hineinfliegen, Rosie?“, schlug Mini-Wurz vor. „Nur mal kurz spähen?“
„Nicht für alle Rosenblüten des Gartens fliege ich da hinab“, entgegnete Rosie und rümpfte die Nase. „Es riecht da unten nach abgestandenem Pfützenwasser und muffigem Moos.“
Mausi beugte sich weit über den Rand, faltete die Pfoten und rief mit ihrer freundlichsten Stimme hinab: „Werter Herr Brunnen-Kobold? Bitte verzeihen Sie die Störung. Wir brauchen dringend Ihren Rat. Das Kräuter-Gebirge verdurstet und wir wissen uns nicht mehr zu helfen. Könnten Sie uns vielleicht einen Rat geben?“
Lange passierte gar nichts. Dann plötzlich vibrierten die Steine. Ein tiefes Grollen stieg auf, gefolgt von einem Geräusch, das klang, als würde man nassen Schlamm mit einem Kochlöffel umrühren.
Zuerst erschien eine Hand am Rand. Sie war dick mit Algen und grauem Schlamm verkrustet. Dann schob sich ein Kopf nach oben. Der „Kobold“ sah aus wie ein wandelnder Komposthaufen. Sein Bart war ein einziges Filzgeflecht aus modrigem Moos, und in seinen Haaren steckte eine kleine, sichtlich verwirrte Wasserschnecke.
„Was… wer… warum ist es so hell?“, krächzte die Gestalt und blinzelte mühsam.
Mausi trat unwillkürlich einen Schritt zurück. „Oh… werter Herr. Entschuldigung… Vielleicht sollten wir gehen… Sie sehen… sehr beschäftigt aus.“
„Ganz recht“, erwiderte der Kobold, gähnte und wischte sich einen dicken Klumpen Schlamm von der Wange. „Ich habe viel zu tun. Lasst euch nicht von meinem gepflegten Aussehen täuschen!“
Mini-Wurz starrte ihn mit offenem Mund an. „Gepflegt? Sie haben eine Schnecke in der Augenbraue!“
Der Kobold blinzelte schläfrig und kratzte sich mit einem langen, schlammigen Fingernagel am Hinterkopf. „Worum geht’s?“
Mausi faltete die Pfoten und blickte ihn bittend an. „Um Wasser, werter Herr Kobold. Das Kräuter-Gebirge liegt im Trockenen. Könnten Sie nicht bitte, bitte einen Blick auf die Adern werfen? Wir machen uns große Sorgen um den Thymian.“
Der Kobold seufzte und ließ sich mit einer trägen Bewegung rückwärts in die Dunkelheit plumpsen. Kurz darauf drangen seltsame Geräusche aus der Tiefe herauf: ein dumpfes Rumpeln, das Geräusch von brechendem Holz und ein lautes, verärgertes Gurgeln, gefolgt von einem kräftigen Platsch.
Minuten später tauchte der Kopf des Kobolds wieder am Rand auf, noch schlammverschmierter als zuvor. Er hielt ein dickes Bündel aus modrigen Ästen, zähen Wurzeln und schwarzem Schlamm in den Händen.
„Da haben wir’s“, krächzte er und wischte sich die Hände an seiner bemoosten Hose ab. „Ein ordentlicher Pfropfen aus altem Laub und Wurzelwerk. Hat sich wohl über die Jahre direkt an der Engstelle verkeilt.“ Er hielt inne und gähnte so weit, dass Mini-Wurz fast bis zu seinen Zehen sehen konnte. „Ich muss wohl zugeben, dass mein letztes Nickerchen doch ein wenig länger war als die üblichen zwanzig Jahre. Da sammelt sich in den Gängen eben so einiges an, wenn keiner aufräumt.“
Ein tiefes, zufriedenes Gurgeln stieg aus dem Brunnen auf, als das Wasser befreit durch die Gänge schoss. „Läuft wieder“, sagte er kurzgebunden. Er schien schon wieder im Stehen einzuschlafen. Bevor Mausi oder Mini-Wurz noch etwas sagen konnten, war er auch schon wieder lautlos in der Tiefe verschwunden.
Mausi, Mini-Wurz und Rosie wechselten einen schnellen Blick. „Vielen Dank!“, rief Mausi noch schnell in den Brunnen hinein. „Wir… wir müssen dann auch mal wieder! Der Tee wartet!“
Mini-Wurz betrachtete den braunen Schlamm-Propfen neben dem Brunnen. „Was bei allen Semperviven… Mausi, hast du das gesehen? Der war ja… also…“
„Hauptsache, das Wasser fließt wieder“, unterbrach ihn Mausi und schob ihn sanft Richtung Zaubergarten. „Aber ich glaube, wir lassen ihm beim nächsten Mal vielleicht ein Stück Seife als Dankeschön da.“