Es war Anfang März und im Zaubergarten regte sich das erste zaghafte Frühlingserwachen. Doch im Pilzhaus herrschte gedrückte Stimmung – zumindest bei einem Bewohner. Mini-Wurz saß am Küchentisch und starrte seine Hafergrütze an, als wolle er sie wegen ungebührlichen Verhaltens verhaften.
„Mausi“, brummte er, „ich sage es nur ungern, aber dieser Tag ist völlig überflüssig. Ich bin heute genau so alt wie gestern, nur dass meine Knie beim Aufstehen ein wenig lauter geknackt haben. Warum sollte man das mit Kuchen feiern?“
Mausi, die bereits ihre Festtagsschürze trug und verdächtig nach frisch gebackenem Schmand-Kuchen duftete, lächelte milde. „Ach, Mini-Wurz. Du bist heute nicht nur ein Jahr älter, sondern auch ein Jahr weiser geworden! Genieße das doch einfach.“ Mini-Wurz brummte in seinen Bart. „Na gut, na gut. Wenigstens kommen keine Gäste und ich kann meine Weisheit in Ruhe genießen.“
Mausi biss sich auf die Lippe und rückte ihre Schürze zurecht. „Nun ja… was das angeht: Eigentlich ist im Blütenhain schon alles angerichtet. Die anderen warten bereits. Sieh es einfach als ein nettes, ganz zwangloses Beisammensein mit Freunden.“
Mini-Wurz erstarrte mit dem Teelöffel in der Hand. „Ein Beisammensein? Mit allen? Na, hoffentlich bringen sie keine Geschenke mit!“
Mausi zog die Augenbrauen hoch und stellte die Teekanne ab. „Was hast du denn gegen Geschenke? Das ist doch eine nette Geste.“
„Eine nette Geste?“, rief Mini-Wurz empört. „Hast du vergessen, was letztes Jahr passiert ist? Da hat mir Linda, die Blindschleiche, einen Gutschein für eine Probestunde ‚Yoga für Fortgeschrittene‘ geschenkt. Der fünfte in Folge! Und wenn Gundula Archivaria wieder mit einem verstaubten Wälzer über ‚Die Geschichte des Unkrauts im Wandel der Jahrhunderte‘ um die Ecke kommt, bricht mein Regal endgültig zusammen. Nein, Mausi, Geschenke brauche ich nun wirklich nicht!“
Doch Mausi hörte gar nicht mehr zu und schob ihn sanft aus der Tür in Richtung Blütenhain. Dort hatte die Maulwurf-Feuerwehr unter der Leitung von Muffel bereits ganze Arbeit geleistet. Heimlich waren Tische und Bänke zwischen den riesigen blühenden Margeriten aufgestellt worden.
Als Mini-Wurz den Hain betrat, scholl ihm ein vielstimmiges „Alles Gute!“ entgegen.
Sir Hupert Hoppenstedt stand bereits mit der Taschenuhr bereit.
„Vier Minuten Verspätung, werter Mini-Wurz! Aber für ein Geburtstagskind drücken wir ein Auge zu. Die Etikette erlaubt heute eine gewisse… Zügellosigkeit.“
Er rückte sein Monokel zurecht. „Punkt fünfzehn Uhr erfolgt der feierliche Anschnitt der Geburtstagstorte! Ich darf doch um eine angemessene Ansprache bitten? Ein Gebäck ohne einleitende Worte wäre wie eine unbeschriftete Saatgut-Tüte – schlichtweg skandalös!“
Mini-Wurz wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen, warum Worte eine Torte auch nicht besser schmecken lassen, doch da schlurfte auch schon eine Nachtschnecken-Delegation heran und überreichte Mini-Wurz ihr Geschenk: ein Töpfchen mit extra-klebrigem Heilschleim. „Für die Gelenke“, schmatzten sie stolz. Mini-Wurz versuchte mühsam zu lächeln, während er das triefende Präsent mit ausgestreckten Armen so weit wie möglich von sich fernhielt.
Dr. Alva von Funkelstein schwebte heran und beäugte Mini-Wurz mit einer Mischung aus Sorge und Belustigung. „Alles Gute, mein lieber Mini-Wurz“, gurrte sie und ließ ein kleines, glitzerndes Fläschchen in seine Hand gleiten. „Du siehst heute besonders… antik aus. Das hier ist eine meiner verjüngenden Kristall-Lotionen. Trage sie großzügig auf – sie brennt nur ein ganz kleines bisschen, aber Schönheit erfordert nun mal Opfer.“
Dr. Alva schwebte davon, und Mini-Wurz stand da: in der einen Hand der triefende Schneckenschleim, in der anderen das brennende Fläschchen. Mausi trat zu ihm und legte ihm sanft eine Pfote auf den Arm.
„Na siehst du, Mini-Wurz“, sagte sie aufmunternd. „Es ist doch gar nicht so schlimm. Die Sonne scheint, der Schmand-Kuchen duftet und alle haben sichtlich Spaß.“
„Ja, einen Riesenspaß haben sie!“, brummte Mini-Wurz und stellte die Geschenke hastig unter eine Bank. „Vor allem dabei, mir mein Alter unter die Nase zu reiben. Hast du gesehen, was Onkel Ambrosius mir vorhin gegeben hat? Einen Spazierstock! Mit integriertem Kompass, falls ich auf dem Weg zum Komposthaufen die Orientierung verliere. Und Linda? Sie meint, ich müsse erst mal meine letzten fünf Yoga-Gutscheine ‚abarbeiten‘, und hat mir stattdessen eine Mini-Yogamatte geschenkt – als Knieschoner für die Gartenarbeit, damit die alten Knochen nicht so hart aufschlagen!“
Mausi unterdrückte ein Kichern. „Aber es war sicher gut gemeint…“ „Ja ja“, brummte Mini-Wurz. „Gundula hat dem Ganzen die Krone aufgesetzt. Dieses Jahr hat sie mir ein dickes Buch mit dem Titel ‚Würdevoll Gärtnern im hohen Alter‘ überreicht.“
Mausi wollte gerade antworten, als das Flattern von Flügeln die Luft durchschnitt…
Rosie kam völlig aufgelöst und mit glühenden Wangen angeflogen. „Leute!“, rief sie außer Atem. „Ihr glaubt nicht, was da hinten passiert! Da ist so ein… ein gutaussehender Typ. Aber er ist total seltsam! Er hält seine Hände einfach überall rein. Erst in den Teich, dann in den Bach und jetzt gerade hat er sie mitten in Mausis Holunder-Bowle gesteckt!“
Die Gespräche verstummten schlagartig. Mini-Wurz zog die Augenbrauen hoch. „In die Bowle? Was bei allen Semperviven…!“
Fortsetzung folgt…