Die Festgesellschaft starrte geschlossen zum Getränketisch. Dort stand ein hochgewachsener, tadellos gepflegter Fremder. Seine rechte Hand hing in der Bowle-Schüssel, während er die Augen geschlossen hielt, als würde er auf etwas lauschen.
Mini-Wurz war der Erste, der seine Sprache wiederfand. Er rückte seine Mütze zurecht und trat einen Schritt vor.
„Ähm! Verzeihung? Darf ich fragen, wer Sie sind und warum Sie… nun ja, in unserem Getränk rühren?“
Der Fremde zog die Hand aus der Bowle, ließ die Tropfen abperlen und lächelte Mini-Wurz schelmisch an.
„Ich bin der Typ, den du letzte Woche aus dem Brunnen gefischt hast.“
Mini-Wurz klappte der Unterkiefer nach unten. Er blinzelte mehrmals und rieb sich die Augen.
„Ähm… Der Kobold? Der mit der Schnecke in der Augenbraue?“
Mausi war so fassungslos, dass es einfach aus ihr herausplatzte:
„Waren Sie… waren Sie beim Frisör?“
„Nein“, erwiderte er mit einer Stimme, die so tief und ruhig wie ein Bergsee klang. „Meine Lebensgeister und mein gutes Aussehen kommen meist von alleine zurück, sobald ich wach bin und das Wasser fließt. Aber ich habe mich noch gar nicht vorgestellt.“
Er verbeugte sich leicht vor Mausi und reichte ihr die Hand.
„Mein Name ist Quoril Branwal.“
Mini-Wurz schüttelte den Kopf.
„Quo…? Wer? Wer denkt sich denn bitteschön solche Namen aus?“
„Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir diesen Namen jemals merken kann“, gestand Mausi und schüttelte vorsichtig seine Hand.
„Egal!“, rief Mini-Wurz plötzlich, dessen Neugier seine Skepsis besiegt hatte. „Heute wird gefeiert! Kommen Sie, Herr Kranwal. Ich lade Sie ein… setzen Sie sich zu uns!“ „Äh… Branwal“, korrigierte der Kobold sanft. „Und bitte, nenn’ mich einfach Quoril.“
Etwas später stand Rosie mit den Flüsterlingen Nuala, Eleni und Sira vor dem großen Bowle-Glas und beäugte den Inhalt kritisch. „Ich weiß nicht, ob ich das noch trinken will“, wisperte sie und rümpfte die Nase. „Da hatte dieser Quoril seine Hand drin.“
Nuala sah andächtig zu Quoril hinüber. „Es ist ein besonderes Ritual. Er spricht mit dem Wasser, Rosie. Er spürt die Schwingungen.“
Eleni kicherte hinter vorgehaltener Hand. „Ja, und scheinbar hat er die Bowle für trübes Wasser gehalten. Das kommt davon, wenn man jahrzehntelang schläft und den Unterschied zwischen Holunder und Tümpel vergisst.“
„Aber er sieht so gut aus!“, schwärmte Sira und strich sich eine Locke aus dem Gesicht. „Hast du diese Augen gesehen?“
In diesem Moment schwebte Dr. Alva von Funkelstein heran. Ihre Augen glänzten jedoch nicht wegen Quorils Aussehen, sondern wegen der Dinge, die an ihm glänzten. Sie landete mit einem eleganten Flügelschlag direkt vor ihm.
„Ein entzückendes Fest, nicht wahr?“, gurrte sie und legte den Kopf schief. „Und was für ein exquisiter Schmuckreif an Ihrem Arm… Sagen Sie, Herr Branwal, ist der aus echtem Gold?“ Quoril blickte kurz auf seinen Oberarm. „Das ist ein besonderes Erinnerungsstück meiner Ahnen.“ „Ah… Verstehe! Äußerst wertvoll, nehme ich an“, kombinierte Alva messerscharf. Ihr Blick wanderte tiefer.
„Und was ist mit dem goldenen Schlüssel an Ihrem Gürtel? Ein so schweres Ding behindert doch sicher beim Laufen. Brauchen Sie den überhaupt noch? Ich könnte ihn für Sie… sicher verwahren.“
Quoril öffnete gerade den Mund, um zu antworten, als Rosie ihm zu Hilfe eilte. „Dr. Alva!“, rief sie und flatterte eilig zwischen die beiden. „Könnte ich Sie kurz sprechen? Es geht um ein kleines… medizinisches Problem. Ganz dringend!“
Alva plusterte sich auf. „Ein Notfall? Ja, natürlich, meine Liebe. Wo tut es denn weh?“
Während Rosie die Elster geschickt ablenkte, reichte Mini-Wurz dem Kobold ein Stück Schmand-Kuchen. „Hier, greifen Sie zu, Herr Kram… ich meine, Quoril“, sagte Mini-Wurz und nickte ihm anerkennend zu. „Ein ordentliches Stück Kuchen ist die beste Grundlage für einen Neuanfang. Und ich muss schon sagen: Dein Erscheinen macht diesen Tag zu etwas ganz Besonderem.“
Quoril nahm den Teller mit einem dankbaren Lächeln entgegen. Mini-Wurz betrachtete seinen Gast und spürte, wie sein anfänglicher Groll über das Älterwerden verflog. Vielleicht war ein weiteres Jahr doch ein Gewinn – denn wer wusste schon, welche vergessenen Wunder man als Nächstes aus einem alten Brunnen fischen würde.