Geschichte 37 – Die große Inventur

Geschichte 37 – Die große Inventur

Mini-Wurz war sich ganz sicher:
Gestern hatte sein Garten noch keine Nummern.
Heute hingegen hing an seiner Lieblingsbank ein kleines Schild mit der Aufschrift „17“.

„Was bei allen Semperviven…?!“, brummte er.
Am Salbeitopf klebte ein kleiner, akkurat beschrifteter Zettel mit einer „12“.

Er blickte sich um.
An der Harke lehnte eine „4“, am großen Findling beim Teich prangte eine „87“ und sogar der alte Kirschbaum trug ein Schildchen mit der Nummer „1“.
Verwirrt kratzte er sich an der Augenbraue.

Herr Stachl trat aus dem Schatten einer Funkie hervor.
Er trug seine braune Weste, hielt seinen Spazierstock wie einen Taktstock und balancierte ein dickes Notizbuch auf dem Arm.

„Inventur“, erklärte der Igel knapp.
„Der Zaubergarten ist eigenwillig, das wissen wir alle.
Aber Eigenwilligkeit ist keine Entschuldigung für mangelnde Dokumentation.
Wir brauchen Ordnung. Struktur. Eine lückenlose Erfassung des Bestandes.“

„Und was genau wird hier inventurt?“, fragte Mini-Wurz vorsichtig.
„Alles“, antwortete Herr Stachl zufrieden.
„Endlich… Und es heißt ‚inventiert‘, werter Mini-Wurz.“

Es dauerte nicht lange, da hingen überall im Zaubergarten kleine Zettel.
An Beeten. An Gießkannen. Am Komposthaufen.

Aber Herr Stachl war noch längst nicht fertig.

Mausi, die gerade in ihrer grünen Schürze aus dem Haus trat, wurde mit einer Verbeugung begrüßt.
„Liebe Mausi, dürfte ich dich bitten, die Zählung für den Kräuterbereich 7 bis 12 zu übernehmen? Deine Sachkenntnis wäre hier von unschätzbarem Wert.“

Mausi fühlte sich sowohl überrumpelt als auch geschmeichelt.
„Und… wo ist Bereich 7?“

Herr Stachl zeigte ruhig in drei verschiedene Richtungen.
„Da. Und da. Und dort hinten beginnt er erneut.“

Mausi blinzelte.
„Aha.“

Rosie flatterte herbei, neugierig wie immer.
„Oh! Was macht ihr da?“
„Ordnung“, sagte Herr Stachl.
„Oh… äh… schön!“

Herr Stachl reichte ihr ein kleines Klemmbrett und einen fein gespitzten Bleistift. „Bereich Blumenbeet, fortlaufende Erfassung“, erklärte er knapp. Rosie nickte eifrig – auch wenn sie nicht ganz sicher war, wo sie beginnen sollte.

Sie versuchte gewissenhaft zu helfen, wurde aber ständig von der Schönheit der Natur abgelenkt.
„Oh, Herr Stachl, schauen Sie nur!
Die Nummer 42 hat heute eine wunderschöne neue Blüte bekommen!
Soll ich das unter ‚Zuwachs‘ vermerken?“

Sogar Onkel Ambrosius, der eigentlich nur auf einen Tee vorbeischauen wollte, wurde von Herrn Stachl charmant „eingespannt“.
„Ah, Ambrosius, welch ein Glück!
Dürfte ich deine geschätzte Expertise für die fliegenden Einheiten beanspruchen?
Der Luftraum Nord bedarf einer exakten Zählung.“

Ambrosius lachte amüsiert.
„Fliegende Einheiten? Aber natürlich, mein Bester“, kommentierte er trocken und schnappte sich einen Notizblock.

Die Nummerierung wurde immer detailreicher.
Ein glatter Kieselstein wurde als „Einzelobjekt 99“ erfasst.
Ein abgebrochener Ast erhielt die Kennzeichnung „104b“.

Schließlich trat Herr Stachl mit einem entschuldigenden Lächeln an Mini-Wurz heran.
„Wenn du erlaubst… nur der Vollständigkeit halber.“
Er befestigte ein winziges Schildchen an Mini-Wurzs roter Mütze:
„Bewohner: Mini-Wurz – Zuordnung: Bereich Gartenkern.“

„Ich bin doch kein Inventar!“, protestierte der Zwerg beleidigt, während Rosie kicherte.

Als die Sonne tiefer sank, setzte sich Herr Stachl zufrieden auf die Bank.
Die Stimmung wurde ruhiger.

Der Igel blätterte schweigend durch die Notizen, während die anderen erschöpft ihren Tee tranken.
Plötzlich hielt er inne.
„Hm“, machte er leise.
Eine kurze Pause entstand.
„Höchst interessant.“
Er schaute über den Rand seiner Brille hinweg in die Runde.

„Gibt es ein Problem, Herr Stachl?“, fragte Mausi besorgt und stellte ihre Tasse ab.

„Nun ja“, sagte er mit ruhiger, bestimmter Stimme.
„In meinen Unterlagen klafft eine Lücke.
Meine geschätzte Ersatz-Heckenschere wurde im aktuellen Bestand nicht aufgefunden.“

Sein Blick wanderte langsam und zielgerichtet zu Mini-Wurz.
„Wenn mein Gedächtnis mich nicht täuscht, dann habe ich sie dir im letzten Herbst ausgeliehen, Mini-Wurz. Du wolltest damit deine Buchsbäume schneiden.“

Mini-Wurz schluckte schwer.
Er spürte, wie alle Augen auf ihn gerichtet waren.

Die Inventur war formell beendet – aber Mini-Wurz überlegte bereits fieberhaft, wo im Garten er am nächsten Morgen wohl als Erstes suchen würde.

Geschichte 37 – Die große Inventur – zweite Szene
Tipp aus dem Zaubergarten
Manchmal ist ein bisschen Ordnung gar nicht schlecht – solange man nicht vergisst, dass ein Garten auch einfach wachsen darf. Und dass selbst in der größten Ordnung Dinge… gelegentlich verschwinden können.