Geschichte 38 – Die Suche im Hügel der verlorenen Gießkannen

Geschichte 38 – Die Suche im Hügel der verlorenen Gießkannen

Die Nacht war für Mini-Wurz alles andere als erholsam gewesen.
Die Vorstellung, das geschätzte Werkzeug von Herrn Stachl verloren zu haben, drückte auf sein Gemüt.

„Also gut“, murmelte er. „Das kann ja wohl nicht so schwer sein. Irgendwo muss die Heckenschere doch liegen!“
Er kroch unter Hecken, wühlte in seinem Schuppen und schob sogar den großen Findling ein Stück zur Seite.
Nichts.

Am Rande des Gartens traf er auf Dr. Alva, die gerade eine Phiole gegen das Sonnenlicht hielt.
„Guten Morgen, Dr. Alva“, begann Mini-Wurz.
„Du hast nicht zufällig eine Heckenschere gesehen? Eine ganz besondere… sie glitzert nämlich so wunderschön in der Sonne, fast wie ein kleiner Schatz.“

Alva hielt in der Bewegung inne.
Sie kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und legte den Kopf schief.
„Was willst du damit sagen, Mini-Wurz?“, fragte sie mit ruhiger Stimme.
„Unterstellst du mir etwa, ich würde glitzernde Gegenstände… horten? Nur weil sie zufällig mein ästhetisches Empfinden ansprechen?“

„Oh, keineswegs!“, entgegnete Mini-Wurz hastig.
„Ich dachte nur, dein scharfes Auge hätte sie vielleicht irgendwo entdeckt.“

„In diesem Fall muss ich dich enttäuschen“, antwortete Alva wieder versöhnt.
„Vielleicht solltest du dein Glück dort suchen, wo die Dinge hingehen, wenn sie vergessen werden.“
Mini-Wurz seufzte.
Dr. Alva hatte recht. Es gab noch einen Ort, an dem er nicht nachgeschaut hatte.

Die Hügel der verlorenen Gießkannen.

Er wanderte gen Osten, bis das Gras unter seinen Füßen metallisch zu schimmern begann.
Vor ihm erstreckte sich die sanfte Hügellandschaft, aus der hier ein verbogener Eimer und dort ein verrosteter Rechen ragte.

Es war ein Ort voller Rätsel.

Er erklomm den ersten Hügel, spähte in die Senke – nichts als eine alte Zinkwanne.
Plötzlich entdeckte er einen prachtvollen Spaten. Das breite Metallblatt ragte geschniegelt aus der Erde, während der Stiel tief im Boden steckte, als hätte ihn jemand verkehrt herum eingepflanzt.

„Der sieht aber noch gut aus“, murmelte Mini-Wurz. „Den kann man immer gebrauchen.“
Er packte das blanke Metallblatt an beiden Seiten und stemmte die Füße in den Boden.
Er zog.
Er fluchte.
Doch der Spaten bewegte sich keinen Millimeter.

Plötzlich öffneten sich zwei schläfrige Augen im Metallblatt des Spatens.
„Ah… Publikum!“, gähnte der Spaten mit einer blechernen Stimme.
„Entschuldige, bin ich eingeschlafen? Du bist bestimmt gekommen, um meine berühmten Witze zu hören.“

Mini-Wurz erstarrte.
„Darf ich mich vorstellen? Ich bin Spatulus von Grabendorn!“
„Eigentlich wollte ich dich nur rausziehen…“, setzte Mini-Wurz an, doch der Spaten war nicht zu bremsen.

„Hör zu! Was macht ein Mathematiker im Garten?
Er zieht Wurzeln! Ha! Verstehst du? Wurzeln!“
„Und warum lassen Gärtner das Gartentor offen?
Damit die Pflanzen frische Luft kriegen!“
„Oder der hier: Was ist grün und macht sich an der Tür bemerkbar?
Ein Klopfsalat!“

Mini-Wurz hielt sich die Ohren zu.
„Hör auf! Bitte! Hast du zufällig eine Heckenschere mit Eschenholzgriffen gesehen?“
Spatulus schien kurz nachzudenken.
„Leider nein!
Aber da fällt mir ein: Was haben eine Heckenschere und ein Chirurg gemeinsam?
Ein falscher Schnitt und es sieht schlecht aus! Ha-ha-ha!“

„Ich gehe dann mal weiter“, sagte Mini-Wurz hastig und stapfte den Hügel hinunter.

„Warte!“, rief der Spaten ihm hinterher.
„Wie heißt die Mehrzahl von Rettich? Meerrettich!
Warum legen Hühner eigentlich Eier?
Weil sie sie beim Werfen kaputtmachen würden!“

Mini-Wurz rannte fast, bis er außer Hörweite war.

Er suchte noch Stunden weiter, kroch durch alte Gießkannen-Pyramiden und fand drei Schaufeln, die er bereits besaß – aber keine Spur von der Schere. Schließlich gab er erschöpft auf.

Er hatte zwar mehr Werkzeug gefunden, als er tragen konnte, aber nichts davon war eine Heckenschere.

Auf dem Rückweg musste er wieder am Hügel von Spatulus vorbei. Der Spaten steckte unbeweglich in der Erde, die Augen fest geschlossen. Bloß keinen Mucks machen, dachte Mini-Wurz und schlich auf Zehenspitzen über das Gras.

Gerade als er dachte, er sei vorbei, riss der Spaten die Augen auf. „Ha! Reingelegt! Ich hab dich gesehen!“, rief Spatulus von Grabendorn triumphierend.

„Einen hab ich noch:
Hängen zwei Äpfel am Baum.
Sagt der eine: Ich fühl mich irgendwie einsam.
Sagt der andere: Ich nicht, ich hab einen Wurm!“

Mini-Wurz beschleunigte seine Schritte, während die blecherne Stimme hinter ihm immer leiser wurde: „Oder den hier: Gehen ein Basilikum, ein Rosmarin und ein Thymian zusammen in eine Bar…“

Völlig außer Puste erreichte Mini-Wurz den Zaubergarten. Er hatte zwar keine Schere im Gepäck, dafür aber eine ordentliche Portion schlechter Witze und das ungute Gefühl, dass Herr Stachl morgen bestimmt wieder seine Liste zücken würde.

Geschichte 38 – Die Suche im Hügel der verlorenen Gießkannen – zweite Szene
Tipp aus dem Zaubergarten
Manchmal lohnt es sich, Gartenwerkzeuge immer an denselben Platz zurückzulegen – so erspart man sich lange Suchaktionen… und begegnet deutlich weniger redseligen Spaten.