Geschichte 39 – Der Pflanzenaufstand

Geschichte 39 – Der Pflanzenaufstand

Rosie war am Verzweifeln. Ihre geliebten Kletterrosen, die sonst so prächtig im Rosengarten wuchsen, sahen aus wie ein Häufchen Unglück. Die Blätter waren fahl und die Knospen hingen schlaff herab, als hätten sie seit Wochen nicht geschlafen.

„Ich verstehe das nicht“, schluchzte Rosie und tupfte sich eine Träne von der Wange. „Ich habe ihnen den besten Kompost gegeben, sie jeden Morgen mit frischem Tau besprüht und ihnen sogar die schönsten Lieder vorgesungen. Aber sie sagen mir einfach nicht, was ihnen fehlt!“

Mini-Wurz, der gerade mit gesenktem Kopf vorbeischlich – immer noch auf der Suche nach Herrn Stachls verschwundener Heckenschere – blieb stehen. Leider hatte er auch keine neue Idee.

Rosie verschränkte die Hände. „Dann… bleibt mir wohl nur noch eine Möglichkeit.“ Sie holte tief Luft, schloss die Augen und begann zu flüstern:

„Blüte, Blatt und feiner Zweig,
gib mir einen Fingerzeig,
was dir fehlt und was dich plagt –
leise oder laut gesagt.“

Ein sanftes Leuchten ging durch den Rosenbogen. Mini-Wurz hielt den Atem an. Dann sagte ein leises Stimmchen: „Endlich! Ich dachte schon, ich muss hier ewig hängen.“

Rosie riss die Augen auf und deutete auf die Rosenknospe direkt vor sich. „Du… kannst sprechen?!“

„Natürlich“, antwortete die Rose trocken. „Und übrigens: Der Lavendel da drüben riecht mal wieder furchtbar intensiv.“

„Das ist ja wohl eine Frechheit!“, rief der Lavendel empört. „Ich dufte so gut wie eh und je!“

„Und dabei wächst er auch noch schief…“, fuhr die Rosenknospe leise fort.
„Das habe ich gehört!“, schnappte der Lavendel.

Rosie flatterte panisch in die Luft. „Oh nein… oh nein, das war nicht so gemeint… nur die Rosen sollten…“

Zu spät.

„Und überhaupt!“, rief eine andere Rosenknospe. „Wir würden gerne ordentlich wachsen, wenn man uns nicht ständig in den Schatten stellt!“ Alle drehten sich um. Am Rand des Rosenbeets ragte eine dichte Thuja auf.
„Und ich brauche Platz“, konterte diese. „Außerdem seid ihr nur neidisch, weil ich immergrün bin.“

Rosie hielt sich die Hände vor den Mund. „Oh je…“ Mini-Wurz zog sie am Ärmel. „Komm. Das klären wir später.“

Sie zogen sich zurück, rannten Richtung Pilzhaus und blieben schnaufend davor stehen. „Das ist völlig außer Kontrolle geraten“, keuchte Rosie. „Ganz deiner Meinung“, murmelte Mini-Wurz.

„He, du da, Zwergenmann!“, rief eine Ringelblume. „Runter von meinem Wurzelbereich! Du trampelst wie ein Elefant!“
Mini-Wurz erstarrte. „Ich stehe hier nur!“ – „Zu lange!“, kam es zurück.

Mausi stürmte aus dem Haus. „Was ist denn hier los?“ Doch weiter kam sie nicht. „Warum liegt eigentlich ständig Laub auf mir?“, beschwerte sich eine Pflanze zu ihrer linken. „Sehe ich aus wie ein Kompostplatz?“

Mausi sah Mini-Wurz fassungslos an. „Wieso spricht der Thymian mit mir?“
Mini-Wurz deutete auf Rosie, die augenblicklich errötete.

„Seht mal, da kommt der dicke Igel“, sagte der Schnittlauch spitz.
„Es kann ja nicht jeder so schlank sein wie du!“, warf die Petersilie ein.
„Oder so hohl…“, kicherte die Minze.
„Immerhin wachse ich gerade!“, schnappte der Schnittlauch. „Du breitest dich doch hier nur aus!“
„Das nennt man Durchsetzungskraft!“, konterte die Minze.

„Ruhe jetzt!“, rief Mausi. „So reden wir hier nicht miteinander.“

Herr Stachl war inzwischen am Pilzhaus angekommen, geschniegelt wie immer, das Notizbuch unter dem Arm. „Ich wurde durch ein… ungewöhnlich hohes Geräuschniveau aufmerksam“, sagte er ruhig.
„Ungewöhnlich?“, murmelte Mini-Wurz. „Ich würde es eher beunruhigend nennen.“

„Mein Zauber ist etwas außer Kontrolle geraten“, sagte Rosie entschuldigend. „Er klingt bald ab… hoffe ich.“
Mausi nickte in Richtung Haus. „Kommt rein. Tee hilft.“

Und während die vier drinnen versuchten, ihre Nerven bei einer Tasse Tee zu beruhigen, ging draußen der Pflanzenaufstand munter weiter – laut, ungefiltert und ganz ohne Rücksicht.

Geschichte 39 – Der Pflanzenaufstand – zweite Szene
Tipp aus dem Zaubergarten
Pflanzen zeigen oft selbst, was ihnen fehlt – durch hängende Blätter, verfärbte Triebe oder schwaches Wachstum. Wer genau hinschaut, erkennt Probleme früh und kann gezielt reagieren.