Vorsichtig öffnete Mini-Wurz die schwere Holztür des Pilzhauses einen Spaltbreit und hielt den Atem an.
„Hörst du was?“, flüsterte Mausi direkt hinter ihm.
Mini-Wurz lauschte. „Bisher noch nicht!“
Er öffnete die Tür ein Stück weiter. Der Garten lag still da. Kein Kichern, kein Gemurmel, keine empörten Stimmen aus den Beeten.
„Na endlich“, murmelte er erleichtert. „Ich sag dir, Mausi… noch ein Tag länger und ich wäre zu Ambrosius gezogen.“
Mausi nickte. „War schon… ungewohnt.“
Nur aus der Ferne war noch ein leises Gackern zu hören. Mini-Wurz verzog das Gesicht.
„Die Rosen. Na gut. Das ist Rosies Problem.“
Er griff nach seinem kleinen Beutel und stapfte los. Zwischen Beeten, Steinen und Wurzeln versteckte Mini-Wurz kleine Gaben. Hier ein glänzender Knopf unter einem Blatt, dort ein Säckchen mit Kräutern zwischen zwei Steinen. Sorgfältig, ordentlich, wie er es mochte.
„Stell dir vor“, brummelte er vor sich hin, „die Pflanzen wären für immer so redselig geblieben… ich hätte nie wieder einen ruhigen Nachmittag gehabt.“
Er richtete sich auf, klopfte sich die Hände ab und nickte zufrieden.
„So. Das reicht.“
Im Rosengarten war bereits alles vorbereitet. Unter dem Rosenbogen stand Sir Hupert Hoppenstedt, geschniegelt wie eh und je. Sein Frack saß makellos, das Monokel glänzte, und mit seinem Zeremonienstock tippte er in gleichmäßigem Takt auf den Boden.
„Meine Damen und Herren“, begann er mit sonorer Stimme, „das Fest der versteckten Gaben ist ein Ausdruck kultivierter Aufmerksamkeit, gelebter Wertschätzung und—“
„Und wer die meisten Sachen findet, gewinnt!“, rief eine Rose dazwischen.
Sir Hupert verharrte, drehte langsam den Kopf.
„…wie ich soeben im Begriff war auszuführen. Es ist nicht bloß ein Suchen, es ist eine Suche nach dem Glück, das ein anderer für uns bereitgelegt hat.“
„Das kann man auch kürzer sagen…“, kicherte eine andere Rose.
Rosie wurde knallrot. „Es tut mir so leid… wirklich…“
„Nun ja“, sagte Sir Hoppenstedt, „es ist ein Fest der Anonymität, der Freude und vor allem… der Etikette!“
„Etikette? Ich habe auch ein Etikett!“, flüsterte eine Rose ihrer Nachbarin zu, die daraufhin kicherte.
Sir Hupert blinzelte kurz, ließ sich aber nicht beirren.
„Das Prozedere ist denkbar einfach: Wir schwärmen nun aus. In genau zwei Stunden treffen wir uns wieder hier. Wer die meisten Gaben aufspürt, wird zum Sieger des Tages gekürt!“
„Gähn! Langweilig! Das wissen doch alle“, stichelte eine weitere Rose.
„Psst! Ruhe jetzt!“, flüsterte Rosie den Rosen zu.
„Schon gut, werte Rosie“, sagte Hupert mit heroischer Geduld. „Ignoranz ist der Schild des Gentleman.“
Er wandte sich den Gästen zu.
„Möge die Etikette uns leiten und möge das Auge des Entdeckers schärfer sein als die Dornen, die uns umgeben!“
Die Rosen brachen in Gelächter aus.
„Und kein Schummeln!“, rief eine Rose.
„Selbstverständlich kein Schummeln!“, sagte Sir Hupert scharf, rückte sein Monokel zurecht und tippte energisch mit dem Stock auf den Boden.
„Die Suche beginnt… jetzt!“
Herr Stachl hob seinen Arm und warf einen vorwurfsvollen Seitenblick auf Mini-Wurz.
„Und sollte jemand zufällig meine Heckenschere entdecken, wäre ich außerordentlich dankbar.“
Sofort zerstreuten sich alle im Garten. Mini-Wurz suchte systematisch, Stein für Stein, Beet für Beet.
„Ordnung ist das halbe Finden“, murmelte er zufrieden, als er den nächsten kleinen Schatz entdeckte.
Mausi stöberte zwischen Kräutern und Blättern, hob vorsichtig Zweige an und freute sich über jedes kleine Fundstück, während auch die anderen Gäste den Garten gründlich durchsuchten.
Zwei Stunden später versammelten sich alle wieder im Rosengarten. Sir Hupert trat vor, die Taschenuhr in der Hand.
„Pünktlichkeit ist die Krone der Zuverlässigkeit. Wir beginnen mit der Auswertung.“
Einer nach dem anderen trat vor und präsentierte seine Funde. Kleine Beutel, glänzende Dinge, versteckte Schätze – stolz wurden sie gezeigt und gezählt.
Dann war Rosie an der Reihe. Sie trat etwas zögerlich vor und hielt ihr einziges Fundstück hoch.
„Ich… habe leider nur eine Gabe gefunden.“
Rosie lächelte verlegen und drehte sich zum Rosenbogen um.
In diesem Moment löste sich ein Blütenblatt und fiel sanft zu Boden.
Rosie blinzelte, hob es vorsichtig auf.
Ein weiteres Blatt löste sich. Dann noch eines.
„Oh…“, machte sie leise.
Immer mehr Blütenblätter begannen zu fallen. Sanft, eines nach dem anderen. Rosie lachte leise, sammelte sie ein, drehte sich, hob noch eines auf.
Bald lagen ihre Arme voller zarter Blätter.
Die Rosen raschelten leise.
„Für dich“, sagte eine von ihnen.
„Danke“, flüsterte eine andere.
„Und… entschuldige“, murmelte eine dritte.
Rosie blieb stehen, die Hände voller Blütenblätter, und sah sie an. Ihre Augen glänzten.
Sir Hupert trat einen Schritt vor, betrachtete die Szene und hob langsam seinen Zeremonienstock.
„Nun…“, sagte er nachdenklich, „die Anzahl der Gaben ist… überwältigend.“
Er räusperte sich und richtete sich auf.
„Die Siegerin des heutigen Festes ist… Rosie.“
Rosie lächelte, während noch ein letztes Blütenblatt sanft zu Boden schwebte.
Und für einen Moment war es ganz still im Rosengarten.