Mini-Wurz zog die Riemen seines Rucksacks fest und ließ den Blick über seine Beete schweifen. Zwei Tage ohne Garten. Dafür aber ein ruhiger Männerausflug mit Ambrosius. Sie wollten zur Vergessenen Veranda wandern, dort übernachten und am nächsten Tag gemütlich zurück.
„Dein Zelt-Taschentuch hast du dabei?“
Ambrosius klopfte auf seine Westentasche.
„Natürlich, mein Junge.“
Kaum waren sie ein paar Meter gelaufen, begegneten sie Herrn Stachl.
„So früh unterwegs? Wo wollt ihr hin?“
Ambrosius erzählte ihm von ihren Plänen.
„Vielleicht möchten Sie ja mitkommen, Herr Stachl?“
Mini-Wurz erstarrte kurz.
„Das wäre in der Tat mal eine Abwechslung“, überlegte der Igel.
Mini-Wurz räusperte sich.
„Wir übernachten im Zelt. Das ist ziemlich unbequem. Vielleicht nichts für ältere Herren.“
Herr Stachl spitzte die Lippen.
„Ich mag gebrechlich aussehen und bin vielleicht auch nicht besonders schnell, aber ich gehöre noch keineswegs zum alten Eisen. Ich hole meinen Rucksack.“
Zu dritt machten sie sich auf den Weg zum Rosengarten. Unter seinem Rosenbogen stand Sir Hupert Hoppenstedt und prüfte die Zeit auf seiner goldenen Taschenuhr. Als er die Wanderer bemerkte, klappte er sie zu.
„Meine Herren! Darf man erfahren, wohin es diese wohlgerüstete Gesellschaft zieht?“
Herr Stachl erklärte das Vorhaben.
„Ein Ausflug mit Übernachtung? Wie überaus reizvoll.“
„Vielleicht möchten Sie mitkommen?“, fragte Ambrosius.
Mini-Wurz stöhnte innerlich auf.
„Es gibt dort keine richtigen Betten.“
Sir Hupert nickte.
„Gerade unter einfachen Bedingungen zeigt sich die wahre Kultur eines Gentleman.“
Er verschwand hinter dem Rosenbogen und kehrte mit einem kleinen, tadellos glänzenden Köfferchen zurück. Mini-Wurz schaute zu Ambrosius. Der lächelte zufrieden.
Bald waren Herr Stachl und Sir Hupert in ein Gespräch über Schuhpflege vertieft. Der Igel bevorzugte eine gründliche Bürste, der Grashüpfer hielt zusätzliches Polieren für unerlässlich. Sie waren gerade beim richtigen Tuch angekommen, als ihnen Muffel, Mick und Malo begegneten.
„Wir wandern zum Koboldbrunnen“, erklärte Muffel.
„Das liegt auf unserem Weg“, sagte Ambrosius. „Dann lasst uns doch ein Stück zusammen gehen.“
„Ist in dem Stück eine Pause vorgesehen?“, fragte Malo.
„Na sicher doch.“ Ambrosius klopfte ihm auf die Schulter. „Wir haben keine Eile.“
Muffel und Mick reihten sich neben ihm ein und erzählten von einer widerspenstigen Schlauchkupplung. Malo seufzte.
„Wir haben frei. Die Kupplung auch.“
Als sie den Koboldbrunnen erreichten, beugte Mini-Wurz sich vorsichtig über den Rand. Unter der steinernen Fratze lag die Tiefe dunkel und still.
„Hoffentlich ist er nicht wieder eingeschlafen.“
„Nein, ist er nicht. Wie auch? Bei all dem Lärm.“
Die tiefe Stimme kam von der Seite. Quoril Branwal saß in einer Hängematte und ließ gemütlich die Beine baumeln.
Sir Hupert hob höflich seinen Zylinder.
„Verzeihen Sie die Störung. Wir gedachten lediglich, eine kurze Rast einzulegen. Wir werden Sie nicht lange behelligen.“
Quoril grinste und breitete die Arme aus.
„Dann seid meine Gäste.“
Mit einem geschmeidigen Satz verschwand er im Brunnen.
Sir Hupert betrachtete die grasbewachsenen Steine am Wegesrand. Auf einem lag ein Blatt, auf einem anderen etwas Erde. Herr Stachl zog zwei Sitzkissen aus seinem Rucksack und reichte ihm eines.
„Wie aufmerksam von Ihnen.“
Nachdem Sir Hupert Platz genommen hatte, öffnete er sein Köfferchen. Zum Vorschein kamen ein feiner Porzellanteller, eine Serviette und mehrere sorgsam eingewickelte Besteckteile.
Mini-Wurz hielt beim Auspacken seiner Küchlein inne.
„Drei Gabeln?“
„Für unterschiedliche Speisen, werter Mini-Wurz.“
Mick breitete ein sauberes Tuch für den Proviant aus. Muffel stellte eine Dose mit herzhaften Broten darauf, Herr Stachl legte getrocknete Apfelringe dazu. Malo steuerte Schokolade bei – nachdem er sich selbst ein Stück abgebrochen hatte.
Aus dem Brunnen tauchte Quoril mit einem Bündel getrockneter Wasserwurzeln auf.
„Bitte sehr.“
Mini-Wurz schnupperte vorsichtig. Sie rochen nach Brunnen. Er biss trotzdem ein kleines Stück ab und hob überrascht die Augenbrauen.
„Die sind ja richtig gut.“
Sir Hupert betrachtete eine Wurzel, dann sein Besteck.
„Wie bedauerlich. Mein Reisebesteck ist auf den Verzehr von Wurzeln offenbar nicht eingerichtet.“
Quoril runzelte die Stirn.
„Dann nimm sie in die Hand und beiß einfach ab.“
„Eine höchst unkonventionelle Art der Darreichung“, bemerkte Sir Hupert. Er zögerte kurz, nahm dann aber doch eine Wurzel zwischen zwei Finger und biss vorsichtig ab.
Ambrosius verteilte Becher und holte seinen magischen Teelöffel hervor. Ein paarmal umrühren, und schon dampften die Getränke. Bald saßen alle gemütlich beisammen, reichten Brote und Küchlein herum und ließen sich von Quoril die Wasserwurzeln nachfüllen.
Mini-Wurz lehnte sich zurück. So eine größere Runde hatte durchaus ihre Vorteile.
Erst als die Becher leer waren, begannen sie zusammenzupacken.
„Wo wollt ihr eigentlich hin?“, fragte Quoril.
„Zur Vergessenen Veranda“, antwortete Ambrosius.
„Zur Vergessenen Veranda? Da war ich ja schon ewig nicht mehr. Ich komme mit.“
„Wir auch“, sagte Muffel und sah zu Mick und Malo. Beide nickten.
„Solange wir die Pausen beibehalten“, ergänzte Malo.
Quoril rollte seine Hängematte zusammen.
Mini-Wurz erstarrte kurz, zuckte dann aber mit den Schultern. Was soll’s. Auf einen mehr kam es mittlerweile auch nicht mehr an.
Fortsetzung folgt…