Mausi stellte einen Teller mit Süßigkeiten auf den Tisch in der Teelaube.
Mini-Wurz wartete auf dem Gartenweg.
„Wir müssen los. Ich möchte mir von Sir Hupert nicht schon wieder erklären lassen, was Pünktlichkeit bedeutet.“
„Nur einen Augenblick. Das ist für unseren Gast vom letzten Mal.“
Rosie schaute zur Laubenwand.
„Der war schon ziemlich unheimlich.“
Mini-Wurz nickte.
„Wir lassen ihm lieber etwas da, bevor er wieder durch den ganzen Garten spukt.“
Im Rosengarten leuchteten Kürbislaternen zwischen den Beeten. Unter den Rosenbögen hingen kleine Lichter, und auf den Bänken rückten verkleidete Gäste zusammen. Mausi nahm neben den Asselkindern Platz. Mini-Wurz setzte sich dazu und griff nach einem Bonbon.
Sir Hupert wartete, bis alle saßen. Über seinem Frack trug er einen dunklen Umhang.
„Heute“, begann er mit gesenkter Stimme, „berichte ich von einer höchst unheilvollen Begebenheit.“
Krümel hob die Hand.
„Was ist eine Begebenheit?“
„Etwas, das geschehen ist.“
„Ach so.“
Sir Hupert nickte und zog den Umhang enger um sich.
„In einer mondlosen Nacht näherte sich ein einsamer Wanderer einem verfallenen Gemäuer. Unvermittelt vernahm er ein eigentümliches Geräusch.“
„Was heißt unvermittelt?“, fragte ein Asselkind.
„Plötzlich.“
„Warum sagst du dann nicht plötzlich?“
Mini-Wurz beschäftigte sich eingehend mit seinem Bonbonpapier.
Der Grashüpfer räusperte sich.
„Plötzlich hörte der Wanderer also ein Geräusch. Eine schemenhafte Gestalt erschien hinter einem Fenster.“
Krabbel beugte sich vor.
„Was ist schemenhaft?“
Sir Hupert hielt kurz inne.
„Man konnte sie nicht deutlich erkennen.“
„Vielleicht war das Fenster schmutzig“, überlegte Krümel.
Ambrosius hustete in seine Hand.
„Es war kein gewöhnlicher Bewohner“, fuhr der Grashüpfer fort. „Denn nun erklang aus dem Inneren ein markerschütterndes …“
Er sah die Kinder an. Mehrere Finger hoben sich.
„Ein sehr lautes Heulen.“
Die Finger senkten sich wieder.
Sir Hupert legte eine Pause ein. Zwischen den Rosen raschelte trockenes Laub.
„Der Wanderer wollte fort. Er wandte sich dem Tor zu, durch das er den verwilderten Hof betreten hatte. Doch hinter ihm knirschte etwas auf dem Kies.“
Eines der Asselkinder rückte näher an Mausi.
„Er blieb stehen. Die Schritte hinter ihm verstummten ebenfalls.“
Nun raschelte auch kein Bonbonpapier mehr.
„Er ging weiter.“
Sir Hupert setzte langsam einen Fuß vor den anderen.
„Ein Schritt. Noch einer. Er spürte, dass hinter ihm etwas war.“
Krümel zog die Beine auf die Bank.
„Da erreichte er das Tor. Er packte den Griff, drückte ihn herunter und …“
Ein kräftiges Knacken ertönte.
Mini-Wurz erstarrte mit einem zerbrochenen Keks in der Hand. Sämtliche Köpfe wandten sich ihm zu.
„Entschuldigung“, murmelte er.
Sir Hupert wartete, bis sich alle wieder ihm zugewandt hatten.
„Das Tor war verschlossen. Doch etwas Kaltes berührte den Wanderer an der Schulter.“
Rosies Griff um ihre Teetasse wurde etwas fester.
Der Grashüpfer beugte sich vor und flüsterte:
„Dann hörte er eine Stimme: Du hast etwas vergessen …“
Eine Weile sagte niemand etwas.
Schließlich meldete sich das Asselkind neben Mausi.
„Was denn?“
Sir Hupert lächelte kaum merklich.
„Das weiß bis heute niemand. Der Wanderer sprang über die niedrige Hofmauer und lief davon. Seitdem wurde er nicht mehr gesehen.“
„Das hätte ich auch gemacht“, sagte Krümel.
Der Grashüpfer ließ seinen Blick über die Zuhörer wandern und senkte die Stimme noch einmal.
„Noch heute, so heißt es, hören einsame Wanderer in der Halloweennacht diese Stimme. Und manchmal spüren sie eine kalte Berührung auf ihrer Schulter.“
Ein Luftzug strich durch die Rosen. Krabbel rückte dicht an Krümel heran.
Sir Hupert richtete sich auf und nahm einen Korb mit Süßigkeiten.
„Nun? Habt ihr euch gegruselt?“
„Nein!“, antworteten die Kinder. Aber es klang nicht sehr überzeugend.
Das Asselkind neben Mausi hielt noch immer ihre Schürze fest.
Quoril griff in den Korb.
„Also ich schon.“
Nuala lächelte und rückte ein wenig näher zu ihm.
Später gingen Mausi, Rosie und Mini-Wurz gemeinsam nach Hause. Ihre Laterne warf einen warmen Lichtkreis auf den Gartenweg.
An der Teelaube blieb Mausi stehen.
Der Teller war leer.
Rosie landete neben ihr.
„Die Süßigkeiten …“
Mini-Wurz hob die Laterne. Er leuchtete unter den Tisch, dann zu den Bänken. Niemand war da.
„Wir waren doch alle im Rosengarten“, sagte Mausi leise.
Aus der Laube drang ein feines Knistern.
Die drei hielten still.
Dann erklang dicht neben dem leeren Teller eine leise, tonlose Stimme.
„Danke.“
Mausi, Rosie und Mini-Wurz sahen einander erschrocken an.
Einen Augenblick später rannten sie gemeinsam zum Pilzhaus. Und diesmal musste Mini-Wurz niemanden zur Eile mahnen.