Geschichte 47 – Der Herrenausflug, Teil 2

Geschichte 47 – Der Herrenausflug, Teil 2

Mini-Wurz zählte kurz durch. Sie waren jetzt zu acht. Er war sich ziemlich sicher, dass sie zu zweit aufgebrochen waren.
Auf dem Weg zur Küste musterte Sir Hupert den Brunnen-Kobold durch sein Monokel.
„Herr Branwal, Sie haben also jahrzehntelang geschlafen?“
„Kann sein. Ich habe nicht auf die Uhr geschaut.“
„Wie schön, wenn man sich eine so lange Auszeit von seinen Pflichten nehmen kann.“

Quoril sah Mini-Wurz verwirrt an.
„Was meint er damit?“
„Ich glaube, er hätte gern, dass du ein schlechtes Gewissen hast.“
„Weil ich ausgeschlafen bin?“
„Ich spreche von Verantwortungsbewusstsein“, erklärte Sir Hupert.
„Ach so. Das Wasser fließt wieder.“

Bevor Sir Hupert antworten konnte, zeigte Ambrosius auf die Vergessene Veranda.
Keiner wusste so genau, wer sie einmal gebaut hatte. Sie stand auf einer kleinen Anhöhe über dem Meer: eine alte Holzplattform mit ein paar Stufen und einem Dach. In der verbliebenen Holzwand saßen eine Tür und ein Fenster – nur das dazugehörige Haus fehlte. Auf den Dielen schaukelte ein leerer Schaukelstuhl sanft hin und her.
Sir Hupert stieg die wenigen Stufen hinauf, trat an die Tür in der alten Holzwand und klopfte.
Quoril schaute ihn neugierig an.
„Wen erwartest du denn?“

„Man betritt ein fremdes Haus nicht ohne vorherige Ankündigung.“
„Es gibt kein Haus.“
Quoril grinste, ging über die offene Seite der Veranda hinter die Holzwand und öffnete von dort die Tür.
„Bitte. Komm rein.“
Sir Hupert hob höflich den Zylinder und trat hindurch, nur um hinter der Wand wieder im Gras zu stehen.

Mini-Wurz sah von der Veranda aus durch die offene Tür.
„Wir bleiben hier vorn, Herr Hoppenstedt.“
Malo blieb am Rand der Veranda stehen und schaute hinaus aufs glitzernde Meer.
„Ist das schön hier!“
Muffel stellte sich neben ihn. Für einen Moment sagten beide nichts. Selbst Malo ließ seine Schokolade in der Tasche.

Mini-Wurz klopfte prüfend gegen einen Pfosten. Das Holz war fest, die Dielen erstaunlich gut erhalten. Hinter ihm betrachtete Herr Stachl den Schaukelstuhl.
„Wer bewegt den denn?“
„Der bewegt sich selbst“, erklärte Ambrosius. „Aber niemand weiß, warum.“
Herr Stachl rückte seine Brille zurecht.
„Auch wenn niemand darin sitzt?“
Quoril ließ sich in den Stuhl sinken.
„Jetzt sitzt jemand drin.“

Ambrosius suchte neben der Veranda eine ebene Stelle, zog sein Taschentuch hervor und pustete hinein. Mit einem weichen Plopp entfaltete sich ein geräumiges Zelt.
Mick umrundete es neugierig.
„Und das passt nachher wieder in die Westentasche?“
Ambrosius nickte und bat Herrn Stachl mit einer einladenden Handbewegung hinein. Der Igel schaute durch den Eingang auf die weichen Schlafunterlagen.

„Das sieht ausgesprochen bequem aus. Wovor wolltest du uns eigentlich warnen, Mini-Wurz?“
Mini-Wurz befühlte eine der Unterlagen.
„Hm. Die hatte ich gar nicht mehr so weich in Erinnerung.“
Zum Abendessen saßen sie auf der Veranda. Ambrosius erzählte von früheren Reisen, Mick fragte nach dem Taschentuch und Malo erkundigte sich, ob es auch eines gäbe, aus dem ein gedeckter Tisch werde.

Sir Hupert legte seine Serviette auf die Knie.
„Ein Tisch deckt sich keineswegs von selbst.“
„Wenn er magisch ist, schon“, gab Malo zu bedenken.
Mini-Wurz nahm sich noch ein Brot. Über dem Meer wurde der Himmel langsam rosa. Er musste zugeben, dass sie es ziemlich gut getroffen hatten.

Als die ersten Sterne erschienen, räumten sie zusammen und verteilten die Schlafplätze. Quoril spannte seine Hängematte auf der Veranda auf.
„Du schläfst draußen?“, fragte Sir Hupert.
„Ja. Frische Luft. Und ich möchte den Anblick des Wassers noch ein bisschen genießen.“
Mini-Wurz ging ins Zelt und streckte zufrieden die Beine aus. Nach der Wanderung würde er sicher sofort einschlafen.
Da begann Sir Hupert zu zirpen.

Mini-Wurz hob den Kopf.
„Was ist das?“
„Meine Abendweise. Ich pflege sie täglich vor dem Einschlafen.“
„Wie lange?“
„Gewöhnlich drei Strophen. Bei besonders angenehmer Stimmung auch vier.“
Mini-Wurz ließ den Kopf zurücksinken. Sir Hupert schien ausgesprochen guter Stimmung zu sein.

Als der Grashüpfer eine kurze Pause machte, knisterte Schokoladenpapier.
„Malo. Was machst du da?“
„Ich gönne mir noch ein Stück Schokolade. Möchtest du auch eins?“
Mini-Wurz lehnte dankend ab und sah zu Herrn Stachl, der bereits schnarchte. Ziemlich laut sogar.

Muffel fuhr hoch.
„Riecht es verbrannt?“
„Nein“, murmelte Mick. „Schlaf weiter.“
Mini-Wurz drehte sich auf die andere Seite. Das Zirpen wurde leiser, dafür raschelte Malo jetzt gründlich in seinem Rucksack.
„Ich suche nur die zweite Tafel“, flüsterte er entschuldigend.

Muffel richtete sich wieder auf.
„Jetzt riecht es aber verbrannt.“
„Nein, tut es nicht“, sagte Mick müde. „Du riechst Schokolade.“
Irgendwann verstummte auch Sir Huperts Abendweise. Malo hatte seine Schokolade verputzt, Herr Stachl hörte auf zu schnarchen, und Muffel blieb endlich liegen.

Mini-Wurz lauschte. Kein Rascheln. Kein Zirpen. Nur das Meer rauschte leise hinter der Veranda.
Neben ihm schlummerte Ambrosius friedlich, eine Hand unter der Wange.
Endlich schliefen alle.
Nur Mini-Wurz lag putzmunter da und starrte ins Zeltdach. Wie hatte es nur so weit kommen können?
Er hatte doch bloß einen ruhigen Ausflug mit seinem Onkel machen wollen.
Fortsetzung folgt …

Geschichte 47 – Der Herrenausflug, Teil 2 – zweite Szene
✨Tipp aus dem Zaubergarten
Besprecht vor einer gemeinsamen Übernachtung kurz eure Schlafgewohnheiten. Wer schnarcht, spät noch nascht oder vier Strophen zum Einschlafen braucht, darf das ruhig vor dem Zeltaufbau erwähnen.