Mini-Wurz drückte die Erde um seinen neuen Ableger fest und goss. Kaum war das Wasser versickert, schob sich eine Ranke zwischen den Blättern hervor.
„Na, du hast es aber eilig.“
Zufrieden nahm er seine Schaufel und ging zur Werkstatt. Als er sie an die Wand lehnte, raschelte es hinter ihm. Er sah sich um. Die Ranke reichte bereits bis vor die Tür.
„Donnerwetter. Das nenne ich Wachstum.“
Er ging zum Kräuterbeet. Kurz darauf tauchte eine grüne Spitze neben seinen Schuhen auf. Verwundert blickte er zurück. Die Ranke verlief von der Werkstatt bis direkt zu ihm. Unterwegs machte sie einen kleinen Bogen. War er dort nicht vorhin einer Schnecke ausgewichen?
Mini-Wurz runzelte die Stirn und machte ein paar Schritte nach links. Hinter ihm raschelte es. Als er sich umdrehte, lag die Ranke dicht hinter ihm, vollkommen still. Nur die kleinen Blättchen an der Spitze wippten noch.
„Das habe ich gesehen!“
Er ging probeweise um die Gießkanne. Die Ranke folgte ihm im Kreis. Mini-Wurz musste lachen.
„Na schön. Und das hier?“
Er hüpfte zweimal nach rechts und einmal nach links. Die Spitze schlängelte sich hinterher. Selbst die kleine Schleife, die er um einen Blumentopf lief, machte sie gewissenhaft mit.
Mini-Wurz schmunzelte. Was hatte er sich denn da für ein lustiges Pflänzchen aus Ambrosius’ Exotenbeet mitgebracht?
Doch als er weiterarbeiten wollte, verging ihm allmählich das Lachen. Die Ranke blieb ihm dicht auf den Fersen. Beschleunigte er seine Schritte, wurde auch das Rascheln schneller.
„Jetzt reicht es aber.“
Er lief um das Rosenbeet, hinter den Schuppen und wieder zurück. Die Ranke folgte jeder Biegung. Am Gartenweg rannte Mini-Wurz beinahe Herrn Stachl um.
„Was sollen diese ganzen Stolperfallen?“, fragte der Igel empört.
Mini-Wurz hatte keine Zeit für eine Antwort. Mit einem hastigen Blick über die Schulter flitzte er ins Pilzhaus, zog die Tür zu und ließ sich erschöpft auf einen Stuhl fallen.
Er starrte auf die Tür. Ein grünes Blättchen erschien darunter. Dann noch eins.
Mini-Wurz stöhnte und sah sich hektisch um. Das Fenster!
Er kletterte hinaus. Kaum hatten seine Füße den Boden berührt, spürte er eine zarte Bewegung auf seiner Schulter. Die Ranke war ihm durchs Fenster gefolgt.
Mini-Wurz rannte zum Apfelbaum und kletterte hinauf. Die Ranke wand sich ebenfalls den Stamm nach oben.
Mausi trat aus der Teelaube. Rosie flatterte hinter ihr her.
„Was machst du da oben?“
„Ich werde von meiner Pflanze verfolgt!“
Sie betrachtete das grüne Zickzack zwischen den Beeten.
„Ist sie gefährlich?“, fragte Mausi.
„Ich glaube nicht. Nur sehr anhänglich …“, rief Mini-Wurz vom Baum.
„Dann komm herunter und setz dich erstmal hin.“
Mini-Wurz kletterte vorsichtig vom Baum und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Die Rankenspitze hielt neben seinen Schuhen an.
„Woher hast du diese Pflanze?“, fragte Mausi.
„Von Ambrosius. Ich habe gefragt, ob ich mir einen Ableger aus seinem Exotenbeet nehmen darf.“
Mausi sah Rosie besorgt an.
„Hol ihn bitte. Am besten sofort.“
Als Ambrosius den Garten betrat, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen.
„Du hast die Schritt-und-Tritt-Pflanze ausgepflanzt?“
„Die Schritt-und-Tritt-Pflanze?“
„Ja. Die da!“ Ambrosius deutete auf die Ranke zu Mini-Wurz’ Füßen.
„Es ist eine Pflanze! Warum sollte ich sie nicht auspflanzen?“
„Weil sie nicht umsonst Schritt-und-Tritt-Pflanze heißt. Wenn man sie nicht im Zaum hält, folgt sie dir auf Schritt und Tritt.“
„Das wusste ich nicht“, gab Mini-Wurz zu. „Und was machen wir jetzt?“
Ambrosius kratzte sich am Kopf.
„Es ist meine Schuld. Ich hätte darauf achten müssen, welchen Ableger du mitnimmst.“
Er ging zur Werkstatt, grub den Wurzelballen aus und setzte ihn in einen Topf. Dann schnitt er die Pflanze eine Handbreit über der Erde ab.
„Im Topf fehlt ihr die Kraft für solche langen Ranken.“
Mini-Wurz überlegte.
„Aber bei dir wächst sie doch auch im Beet.“
Ambrosius schmunzelte.
„Nein, sie wächst in einem Topf, den ich im Beet eingegraben habe.“
Mini-Wurz blickte auf das Chaos.
„Und was machen wir mit dem ganzen Grünzeug?“
Ambrosius lächelte.
„Da hast du Glück. Die Blätter ergeben einen aromatischen Tee. Und aus den getrockneten Ranken lassen sich prima Seile flechten.“
Mini-Wurz stand auf und griff nach seiner Gartenschere.
„Na dann los. An die Arbeit.“
Und zum ersten Mal an diesem Tag wurde er nicht verfolgt.