Mausi schenkte gerade Tee ein, als Ambrosius durch das Gartentor kam. Über einem Arm hingen zwei Westen, eine Jacke und ein Schal.
Mini-Wurz betrachtete ihn.
„Ziehst du um?“
„Nein, mein Junge. Ich brauche euren Rat.“
Ambrosius legte die Kleidungsstücke auf einen Stuhl, nahm die Westen gleich wieder hoch und hielt sie vor sich.
„Welche?“
Mausi stellte eine Tasse für ihn bereit.
„Guten Morgen erstmal. Wofür denn?“
„Ich bin heute Nachmittag zum Tee eingeladen. Bei Frau Blütenstaub. Wir haben uns gestern kennengelernt.“
Rosie ließ sich auf der Banklehne nieder.
„Gestern?“
Mini-Wurz sah seinen Onkel ungläubig an.
„Du wohnst seit Monaten im Blütenhain und hast Frau Blütenstaub noch nicht getroffen?“
„Ähm … Nein. Offenbar haben wir uns immer knapp verpasst.“
„Sie war doch bei meinem Geburtstag“, sagte Rosie. „Und letzte Woche erst mit Linnea hier!“
„Da war Ambrosius unterwegs“, erinnerte sich Mausi.
Ambrosius ließ die Westen sinken.
„Wer ist Linnea?“
Rosie verdrehte die Augen.
„Na, ihre Nichte.“
„Die kunterbunte Schmetterlingsdame, die gestern bei ihr war?“
Rosie kicherte.
„Das Wort Dame hört sie bestimmt nicht gern. Aber ja. Wenn sie kunterbunt war, wird es Linnea gewesen sein.“
Mausi schob Ambrosius die Teetasse hin.
„Linnea ist nicht wirklich ihre Nichte. Frau Blütenstaub hat einmal eine einsame Schmetterlingspuppe gefunden und sich um sie gekümmert. Als Linnea schlüpfte, blieb sie bei ihr. Seitdem sagt sie Tante.“
„Das ist ja alles schön und gut.“ Ambrosius deutete auf den Kleiderstapel. „Aber was ziehe ich an? Was bringe ich mit? Und vor allem: Wie spreche ich sie an?“
Mini-Wurz lehnte sich zurück.
„Du klingst beinahe, als würdest du auf ein Date gehen.“
Ambrosius betrachtete die Knöpfe seiner Weste.
„Irgendwie fühlt es sich auch so an.“
Rosie lächelte. Mausi ebenfalls.
Mini-Wurz griff nach seiner Tasse.
„Beim Thema Romantik brauchst du mich nicht fragen.“
Mausi legte ihm eine Pfote auf die Hand.
„Das wissen wir.“
Rosie hielt sich das Lachen mühsam zurück.
Ambrosius setzte sich endlich. Die beiden Westen behielt er auf den Knien.
„Frau Blütenstaub klingt so förmlich. Aber ihren Vornamen kenne ich nicht.“
„Hmmm… Ich auch nicht. Und Linnea sagt immer nur Tante“, sagte Rosie.
Auch Mausi kam ins Grübeln.
„Ein Vorname fällt mir auch gerade nicht ein. Ich nenne sie immer meine Liebe.“
„So werde ich sie ganz sicher nicht nennen.“
Ambrosius schaute zu Mini-Wurz. Der zuckte mit den Schultern.
„Und wie kann es sein, dass ihr sie seit Jahren kennt, aber ihren Vornamen nicht wisst?“, fragte Ambrosius.
Mausi sah ihn nachdenklich an.
„Da hast du recht. Beim nächsten Teebesuch werde ich wohl mal danach fragen.“
Rosie beugte sich vor.
„Für die anderen Fragen könnten wir Sir Hoppenstedt zu Rate ziehen. Der weiß bestimmt, was man beim ersten Treffen anzieht, mitbringt und wie man sich benimmt.“
Ambrosius hob abwehrend die Hände.
„Bloß nicht.“
Mini-Wurz richtete sich auf, hob das Kinn und betrachtete seinen Onkel durch ein unsichtbares Monokel. Dann sagte er in der unverwechselbaren Art von Sir Hupert:
„Die Wahl der Weste, mein lieber Ambrosius, bildet das Fundament jeder ernsthaften Annäherung.“
Ambrosius schaute entsetzt auf seine Knie. Rosie prustete los.
Mausi schüttelte lächelnd den Kopf und nahm ihm die Westen ab.
„Frau Blütenstaub ist eine nette, umgängliche Dame. Sie legt wenig Wert auf teure Kleidung und hochtrabende Worte.“
Sie strich seine gewohnte Weste glatt.
„Die hier steht dir. Und bring ihr einfach ein Glas von deinem Blütenhonig mit. Darüber wird sie sich freuen.“
Ambrosius nickte langsam.
„Mach dir nicht so viele Gedanken“, sagte Mausi. „Sie hat dich eingeladen, nicht deine Garderobe. Sei einfach du selbst und richte ihr schöne Grüße aus.“
Ambrosius griff endlich nach seiner Teetasse. Der Tee war inzwischen nur noch lauwarm, aber er trank ihn mit sichtlichem Genuss.
Als er sich verabschiedete, bündelte er Jacke, Schal und Westen wieder über seinem Arm.
Mini-Wurz sah ihm nach, hob noch einmal würdevoll das Kinn und sagte in sonorer Stimme:
„Die Weste mag den ersten Eindruck bestimmen. Ob man erneut eingeladen wird, entscheidet sich erst beim Tee.“
Ambrosius drehte sich am Gartentor um.
„Das habe ich gehört, mein Junge.“
Diesmal grinste er dabei.