Geschichte 56 – Eine Frage der Perspektive

Geschichte 56 – Eine Frage der Perspektive

Mini-Wurz stemmte sich gegen die Griffe seiner Schubkarre. Sie war voller Erde, die dringend ins Kräuterbeet musste. Nur das Rad wollte nicht mit.
Er setzte die Karre ab und betrachtete die Achse. Er hatte sie gerade geölt. Nun glänzte sie, aber drehen ließ sich weiterhin nichts.
„Du bist eine Schubkarre“, erklärte er. „Mit einem Rad. Wenn ich schiebe, solltest du rollen.“
Er gab der Schubkarre einen weiteren kräftigen Ruck. Das Ergebnis war lediglich etwas Erde, die herunterrieselte.

Da ertönte vom Gartentor ein mattes „Tooot“.
Emma kam den Weg entlang. Ihre Posttasche schaukelte, und vor Mini-Wurz blieb sie schnaufend stehen.
„Ein Brief. Vom Rosenkäfer-Komitee.“
„Haben sie das Sportfest schon wieder abgesagt?“
Emma schüttelte den Kopf.
„Diesmal nicht.“

Mini-Wurz öffnete den Umschlag. Mausi kam aus dem Pilzhaus, und Rosie landete neugierig neben ihr.
„Was schreiben sie?“
Er räusperte sich und las vor:
„Liebe Gartenfreunde,
verehrte Freunde einer gepflegten Festkultur!
Das Rosenkäfer-Sportkomitee blickt mit berechtigtem Stolz auf seine außerordentlichen Verdienste zurück. Selbst in Jahren ohne Sportfest wurden weder Mühen noch Sitzungen gescheut.

Angesichts dieser bewährten Erfahrung sind wir zu dem einstimmigen Schluss gekommen, dass niemand besser geeignet ist als wir, künftig auch für die traditionelle Begehung unserer Feiertage zu sorgen.
In das neue zuständige Festtags-Komitee wurden sämtliche Mitglieder des Rosenkäfer-Sportkomitees gewählt. Die Wahl erfolgte durch das Sportkomitee und fiel einstimmig aus. Alle Gewählten nahmen die Wahl an.
Als erste Amtshandlung laden wir euch daher herzlich ein, in drei Wochen den Tag des Hutes festlich im Rosengarten zu begehen. Um das Tragen einer ausgefallenen Kopfbedeckung wird gebeten.
Die fachkundige Jury besteht selbstverständlich aus den Mitgliedern unseres Komitees unter dem Vorsitz von Präsidentin Rosa Rumpelblatt. Einfallsreichtum, Gestaltung und würdiges Tragen werden angemessen berücksichtigt.

Mit festlichen Grüßen
das Rosenkäfer-Komitee für Sport und traditionelle Feiertagsgestaltung
Präsidentin Rosa Rumpelblatt“
Mini-Wurz ließ den Brief sinken.
„Die haben sich selbst gewählt und anschließend einen Brief darüber geschrieben, wie hervorragend sie dafür geeignet sind?“

Emma nickte.
„Der Brief wurde auch einstimmig beschlossen.“
Rosie kicherte.
„An Selbstvertrauen fehlt es ihnen jedenfalls nicht.“

Mini-Wurz reichte Mausi das Schreiben.
„Bei so einem Quatsch mache ich sowieso nicht mit.“
„Ach“, sagte Mausi, „das könnte doch ganz lustig werden.“
„Ich finde die Idee schön“, erklärte Rosie. „Vielleicht mache ich etwas mit Rosen und Glitzer.“

Sie betrachtete nachdenklich Mini-Wurz’ rote Mütze. Er zog sie vorsichtshalber etwas tiefer.
„Denk nicht mal dran!“
Dann wandte er sich wieder seiner Schubkarre zu. Vielleicht würde das Rad nach einem zweiten Tropfen Öl endlich nachgeben.
Emma war inzwischen näher herangekrochen.
„Was machst du da?“

„Ich versuche seit einer halben Stunde, diese Erde ins Kräuterbeet zu bringen.“
Sie streckte die Fühler unter den Rahmen.
„Dann zieh doch das Stöckchen heraus.“
Mini-Wurz hielt mit dem Ölkännchen inne.
„Welches Stöckchen?“

„Das zwischen dem Rad und der Schubkarre.“
Er ging in die Hocke. Tatsächlich. Ein kurzer Zweig hatte sich so fest eingeklemmt, dass das Rad sich nicht bewegen konnte.
Mini-Wurz zog ihn heraus und schob die Karre probeweise an. Sie rollte mühelos los.
„Darauf hätte ich auch kommen können.“

Emma lächelte.
„Von hier unten sieht man manches besser.“
„Ja“, seufzte Mini-Wurz. „Manchmal sollte man die Dinge von allen Seiten betrachten.“
„So wie die Rosenkäfer bald die Hüte …“, kicherte Rosie.
Mini-Wurz winkte ab und brachte endlich seine Erde zum Beet.

Als er zurückkam, saßen die drei bereits beisammen und tranken Tee. Rosie hatte den Brief neben sich liegen und überlegte, ob zu den Rosen auch ein paar Federn passen würden.
Mini-Wurz stellte die Schubkarre ab.
„Solange du meine Mütze in Ruhe lässt …“
Emma nahm einen Schluck Tee.
„Die ist doch schon schön.“
Mini-Wurz nickte zufrieden.
Da war er ganz Emmas Meinung.

Geschichte 56 – Eine Frage der Perspektive – zweite Szene
✨Tipp aus dem Zaubergarten
Wenn du bei einem Problem feststeckst, frag jemanden mit einem anderen Blick darauf. Manchmal braucht es keine aufwendige Reparatur, sondern nur jemanden, der das Stöckchen sieht.