Geschichte 57 – Zwischen oben und unten

Geschichte 57 – Zwischen oben und unten

Mini-Wurz stellte den Mörteleimer neben einen alten Brunnen und legte die Kellen dazu. Ein paar passende Steine hatte er bereits herausgesucht. Der bröckelige Rand konnte eine Ausbesserung vertragen – aber zuerst musste unten wieder Wasser fließen.
Er beugte sich über den Schacht.
„Und?“
Quoril hatte unten eine Hand zwischen die feuchten Steine gelegt.
„Das Wasser ist noch da. Aber der Zulauf sitzt zu.“

„Dann lohnt sich die Arbeit wenigstens“, sagte Mini-Wurz.
Quoril schaute nach oben.
„Wir müssen Äste und Wurzeln aus dem Schacht entfernen. Am besten geht einer in die Mitte. Dann können wir das Gestrüpp nach oben reichen.“
Er sah Mini-Wurz vielsagend an.

„Und wie soll ich das bitte machen? Im Brunnenschacht schweben?“
Ambrosius hielt ein langes Seil in die Höhe.
Mini-Wurz gefiel das nicht. Es gefiel ihm noch weniger, als er wenig später auf halber Höhe im Schacht baumelte.
Quoril löste einen langen Ast aus dem Laub und schob ihn nach oben.
„Aua!“, rief Mini-Wurz. „Willst du mich erstechen?“

Quoril grinste.
„Mit diesem stumpfen Ding? Nein. Zieh einfach den Bauch ein, dann schiebe ich ihn an dir vorbei.“
„Ich habe keinen Bauch!“, empörte sich Mini-Wurz.
Über ihm erklang Ambrosius’ Lachen. Mini-Wurz nahm den Ast entgegen und reichte ihn seinem Onkel weiter.

Danach gab Quoril ihm nasses Laub, ein Wurzelbüschel und einen krummen Zweig. Der blieb beim Hochheben an Mini-Wurz’ Mütze hängen.
Er zupfte ihn heraus und streckte ihn seinem Onkel entgegen.
„War das jetzt alles?“
Quoril strich die letzten Blätter von der freigelegten Öffnung.
„Fast. Hier fehlt ein Stein in der Einfassung. Ich brauche einen flachen.“

Ambrosius suchte zwischen den bereitgelegten Steinen am Brunnenrand. Er hob einen auf, ging in die Hocke und reichte ihn hinunter.
Mini-Wurz nahm ihn entgegen, drehte sich mühsam in seiner Seilschlinge und hielt ihn Quoril hin.
Der Kobold betrachtete den Stein.
„Doch nicht so groß!“

Mini-Wurz drehte sich zurück und hob ihn wieder nach oben.
„Doch nicht so groß!“
„Das hätte er vorher sagen können“, meinte Ambrosius.
„Das hätte er vorher sagen können“, gab Mini-Wurz nach unten weiter.
Quoril schaute zu ihm auf.
„Das habe ich schon beim ersten Mal gehört.“

Ambrosius reichte einen kleineren Stein hinunter, den Mini-Wurz weitergab. Quoril nickte.
„Der könnte passen. Aber es dauert ein Weilchen.“
Mini-Wurz schüttelte seine Arme aus und versuchte, sich etwas bequemer in die Seilschlinge zu setzen.
„Hinter Bettys Haus steht übrigens auch ein ausgetrockneter Brunnen“, sagte sein Onkel von oben.

Mini-Wurz schaute hinauf.
„Wer ist Betty?“
„Frau Blütenstaub.“
„Sie heißt Betty?“
Ambrosius beugte sich über den Brunnenrand.
„Vielleicht.“

Mini-Wurz runzelte die Stirn.
„Was soll das heißen?“
„Das heißt, dass sie anscheinend selbst nicht mehr so genau weiß, wie sie heißt. Sie denkt, Elsbeth oder Elisabeth. So etwas in der Art. Wir haben darüber gesprochen, und Betty gefällt ihr.“
Quoril hielt beim Säubern des Zulaufs inne.
„Wie kann man denn seinen Namen vergessen?“

Ambrosius beugte sich weiter vor.
„Was hat er gesagt?“
„Er wundert sich, wie man seinen Namen vergessen kann.“
Mini-Wurz schaute nach unten.
„Wie kann man denn vergessen, dass man der verantwortliche Brunnenkobold ist, und einfach alles verschlafen?“

Quoril grinste.
„Guter Punkt.“
„Was sagt er jetzt?“, fragte Ambrosius.
Mini-Wurz legte den Kopf in den Nacken.
„Dass ich recht habe.“

Quoril prüfte den Sitz des Steins.
„Ich brauche einen Hammer. Haben wir so etwas da?“
Ambrosius sah auf das Sammelsurium an Werkzeug, das Mini-Wurz um den Brunnen verteilt hatte. Er nickte und hielt einen kleinen Hammer hinunter.
„Der hier?“
Mini-Wurz reichte ihn weiter. Ein kurzes Hämmern ertönte. Quoril legte den Hammer beiseite und zog die letzten Wurzeln aus dem Zulauf.

Dann gluckerte Wasser durch die Öffnung und breitete sich über die Steine am Schachtboden aus.
Quoril betrachtete es zufrieden.
„Jetzt kann es wieder fließen.“
Mini-Wurz hob die Füße.
„Und ich hoffentlich wieder nach oben?“

Ambrosius zog ihn langsam hoch. Kaum hatte Mini-Wurz festen Boden unter den Füßen, kletterte auch Quoril aus dem Brunnen.
Gemeinsam schauten sie hinunter. Unten sammelte sich klares Wasser, und das leise Plätschern klang aus dem Schacht.
„Ein schönes Geräusch“, sagte Quoril.
Mini-Wurz rieb sich den Rücken.
„Von hier oben gefällt es mir auch deutlich besser.“

Quoril rieb sich die Hände.
„Wie viele Brunnen haben wir noch?“
„Erstmal diesen“, sagte Mini-Wurz und deutete auf den Mörteleimer. „Der Rand muss noch ausgebessert werden. Und das Gestrüpp …“
Quoril schaute auf den Mörteleimer.
„Ich dachte, ich bin nur fürs Wasser zuständig.“

Mini-Wurz hielt ihm eine Kelle hin.
„Über deine Zuständigkeiten können wir beim Verputzen reden.“
Ambrosius lachte und sammelte die ersten Äste ein.

Geschichte 57 – Zwischen oben und unten – zweite Szene
✨Tipp aus dem Zaubergarten
Legt bei gemeinsamen Reparaturen vorher fest, wer welche Aufgabe übernimmt. „Ich helfe mit“ sollte schließlich etwas genauer sein als „Ich schaue von oben zu und erzähle von Betty“.