Geschichte 59 – Der Tag des Hutes

Geschichte 59 – Der Tag des Hutes

Mini-Wurz blieb zwischen den Rosenbeeten stehen und betrachtete den Festplatz. Auf der freien Rasenfläche waren Tische und Stühle aufgestellt worden. Bunte Bänder flatterten im Wind, und an einem alten Holzgestell hing eine Blumenampel mit langen Ranken und vielen kleinen lila Blüten.
Überall wurde gelacht und an Kopfbedeckungen gezupft.
„Du hättest wenigstens ein Band um deine Mütze legen können“, meinte Rosie.
„Ich bin nicht wegen meiner Mütze hier. Mausi hat mich überredet.“
Rosie schüttelte lächelnd den Kopf. Ihr pinker Blütenhut glitzerte bis in die Spitzen.

Mausi trug Lavendel an der Krempe. Neben ihr versuchte Frau Blütenstaub, ihren üppig geschmückten Hut unter einem tief hängenden Rosenzweig hindurchzubekommen.
Ambrosius hob den Zweig an.
„Ausgesprochen hübsch, Betty.“
„Danke“, sagte sie und kam vorsichtig darunter hervor.

Am Jurytisch saßen die Rosenkäfer. In ihrer Mitte thronte Rosa Rumpelblatt unter Federn, Blüten und einer mächtigen Schleife. Sie erhob sich und begrüßte die Gäste mit ausgebreiteten Armen.
„Wie erfreulich, dass unsere Veranstaltung schon bei ihrer ersten Durchführung auf so große Begeisterung stößt!“
Die anderen Rosenkäfer nickten.
Rosa nickte ebenfalls. Dabei rutschte ihr Hut über die Augen. Sie schob ihn zurück und fuhr unbeirrt fort:
„Unser fachkundiges Komitee wird nun die Kopfbedeckungen eingehend würdigen.“

Ihr Blick fiel auf Mini-Wurz’ rote Mütze.
„Eine ausgesprochen schlichte Gestaltung.“
„Das ist meine normale Mütze.“
„Wie schön, wenn sich Alltag und Festlichkeit so mühelos verbinden.“
Mini-Wurz sah zu Mausi. Die beschäftigte sich auffallend gründlich mit ihrem Lavendel.

Inzwischen waren auch Nuala, Eleni, Sira und Linnea angekommen. Quoril trat zu ihnen. Sein Blick blieb an der blassblauen Blüte hängen.
„Du hast sie auf deinen Hut gesteckt.“
Nuala lächelte.
„Sie war zu schön, um sie einfach zu Hause zu lassen.“
Quoril nickte zufrieden und blieb neben ihr stehen.

Rosa bat die nächsten Gäste näher an den Jurytisch. Dabei nickte sie ihren Kollegen zu, und ihr Hut rutschte erneut über die Augen. Sie schob ihn zurück, als gehöre das zum Plan.
Sir Hupert trat vor. Um seinen glänzenden Zylinder wand sich eine einzelne weiße Rose.
„Eine zurückhaltende Gestaltung“, stellte Rosa fest.
„Wahre Eleganz bedarf keiner Überladung“, erklärte der Grashüpfer.

Rosa richtete ihre mächtige Schleife.
„Gewiss. Wobei auch eine großzügige Gestaltung ihre Vorzüge besitzt.“
Die Rosenkäfer nickten.
Mick hatte ein kleines Windrad auf seinem Hut befestigt, das sich bei jeder Brise drehte. Malo trug einen breiten Hut mit einer Schokoladenschachtel darauf.

„Ist die Bestandteil der Gestaltung?“, fragte Rosa interessiert.
„Noch“, sagte Malo.
„Dann sollten wir sie zunächst vollständig betrachten.“
Emma hatte ihr Schneckenhaus mit Blüten geschmückt.

Rosa betrachtete sie von allen Seiten.
„Eine bemerkenswerte Verbindung von Wohnkomfort und festlichem Auftreten.“
Emma strahlte.
Mini-Wurz hatte sich inzwischen neben das Holzgestell gestellt. Rosie kam mit einer kleinen Rose auf ihn zu.
„Nur eine. Die würde genau hier …“

Mini-Wurz wich einen Schritt zurück und stieß gegen den Pfosten. Die Blumenampel schwankte bedenklich.
Im selben Moment löste sich der alte Haken.
„Was bei allen …“
Der Topf kippte, fiel und landete umgedreht auf seiner roten Mütze. Erde rieselte über seine Weste. Die weichen Triebe legten sich um seinen Kopf und fielen in grünen Locken bis auf seine Schultern. Zwischen den Blättern leuchteten die kleinen lila Blüten. Eine baumelte ihm direkt vor der Nase.

Einen Augenblick lang war es still.
Dann prustete Rosie los.
Mausi eilte zu ihm.
„Hast du dir wehgetan?“
Er bewegte vorsichtig den Kopf. Die Blüten wippten um sein Gesicht.
„Nein. Aber vielleicht könnte mir jemand den Topf abnehmen. Der ist nämlich schwer und eng.“

Quoril trat näher und griff danach.
„Einen Moment bitte!“
Rosa hatte sich vom Jurytisch erhoben. Mit leuchtenden Augen ging sie einmal um Mini-Wurz herum.
„Wie außergewöhnlich.“
„Nimm das Ding ab“, bat Mini-Wurz Quoril.

„Bitte noch nicht“, sagte Rosa. „Die Jury muss die Gestaltung zunächst vollständig erfassen.“
Sie betrachtete die blühenden Ranken auf seinen Schultern.
„Endlich jemand, der über die Grenzen des gewöhnlichen Hutes hinausdenkt! Und diese reizenden lila Blüten …“
Mini-Wurz pustete die vor seiner Nase zur Seite.
„Das war ein Unfall.“
„Bescheidenheit steht einem wahren Künstler gut.“

Rosa winkte die anderen Rosenkäfer herbei. Gemeinsam betrachteten sie den Topf von vorn, von hinten und von beiden Seiten. Mini-Wurz versuchte, eine blühende Ranke aus seinem Bart zu ziehen.
Schließlich ging Rosa zurück zum Tisch und beriet sich kurz mit den anderen Rosenkäfern. Sie nickten eifrig.
„Der erste Platz geht einstimmig an Mini-Wurz!“
Die Gäste klatschten. Rosie gab ihren Versuch auf, ernst zu bleiben, und lachte mit Linnea um die Wette. Sir Hupert hob anerkennend den Zylinder.

Rosa befestigte das Siegerband am Blumentopf. Erst danach durfte Quoril den Topf abheben. Mausi befreite die Mütze von den letzten Ranken und klopfte die Erde ab.
Mini-Wurz setzte sie auf und atmete erleichtert aus.
„So. Das wäre geschafft“, brummelte Mini-Wurz und wandte sich zum Gehen.
Rosa hob einen Flügel.
„Eine Kleinigkeit noch. Mit dem Sieg gehen selbstverständlich nicht nur Ruhm und Ehre, sondern auch Verantwortung und Pflichten einher.“

Mini-Wurz hielt inne.
„Vom diesjährigen Sieger wird selbstverständlich erwartet, dass er seinen ersten Platz im nächsten Jahr verteidigt.“
Ambrosius, Mausi und Rosie stellten sich lachend um ihn.
„Dabei helfen wir dir gern, mein Junge“, versicherte Ambrosius.
„Wir hätten dann auch mehr Zeit zum Vorbereiten“, sagte Mausi.

Rosie betrachtete den Blumentopf.
„Vielleicht finden wir bis dahin etwas mit noch mehr Blüten.“
Mini-Wurz zog seine rote Mütze fest auf den Kopf.
„So weit kommt’s noch.“

Geschichte 59 – Der Tag des Hutes – zweite Szene
✨Tipp aus dem Zaubergarten
Probier beim nächsten Fest ruhig eine ausgefallene Kopfbedeckung aus. Ein bisschen Mut zur Farbe reicht oft schon – die komplette Balkonbepflanzung darf an ihrem gewohnten Platz bleiben.