Mausi stellte ihr Körbchen neben Mini-Wurz ins Gras. Vom Ufer aus konnten sie über den See schauen, auf dem sich die Sonne zwischen kleinen Wellen spiegelte. Hinter ihnen standen Tee und Gebäck auf einem Tisch. Zahlreiche Gäste hatten sich eingefunden und auf den reparierten Bänken Platz genommen.
Rosie flatterte zu ihnen herüber.
„Habt ihr gehört? Quoril und Nuala halten gleich eine Rede.“
Mini-Wurz schaute auf.
„Echt? Hat Herr Hoppenstedt seinen Text vergessen?“
Er ließ seinen Blick am Ufer entlang zum Grashüpfer schweifen. Der saß ganz entspannt auf einer Bank, die Mini-Wurz gestern noch schnell repariert hatte, und genoss die Sonne.
„Nun, es ist der Tag des Wassers“, sagte Mausi. „Wer wäre da besser für eine Rede geeignet als zwei, die so eng mit diesem Element verbunden sind?“
Rosie nickte.
„Kommt. Dort vorne können wir besser sehen.“
Sie gingen ein Stück am Ufer entlang. Quoril und Nuala warteten an einer flachen Stelle dicht am Wasser. Als die beiden ihren Blick über die Runde wandern ließen, wurde es unter den Gästen leise.
„Schön, dass ihr heute zu uns an den See gekommen seid“, begrüßte Quoril sie.
Er wartete, bis auch Muffel seinen Platz gefunden hatte.
„Wir feiern den Tag des Wassers. Etwas, das uns so vertraut ist, dass wir oft erst bemerken, wie sehr wir es brauchen, wenn es fehlt.“
Nuala nickte.
„Wir schöpfen es aus dem Brunnen, gießen damit unsere Beete und freuen uns im Sommer über seine Kühle. Doch Wasser ist mehr als eine Annehmlichkeit. Für uns ist es lebensnotwendig, für andere ihr ganzes Zuhause.“
Quoril kniete sich ans Ufer und tauchte eine Hand in den See. Als er sie langsam wieder hob, lösten sich einige Tropfen von seinen Fingern. Doch statt herabzufallen, schwebten sie über seiner Hand.
Mausi neigte sich ein wenig vor. In jedem Tropfen spiegelte sich ein winziges Stück der Umgebung.
„Ohne Regen würden unsere Blumen verdursten“, sagte Quoril.
Er machte eine Handbewegung, und einen Augenblick später fiel feiner Sprühregen auf die Gäste.
Mini-Wurz hob überrascht das Gesicht. Einige Gäste kicherten.
„Und was wären unsere Morgen und unsere Moore ohne Nebel?“, fragte Nuala.
Über dem See bildete sich ein heller Schleier. Er glitt ans Ufer und zog zwischen den Gästen hindurch, kühl und fein. Mausi betrachtete ihn, als er um ihre Schuhe strich.
„Wasser begegnet uns in vielen Formen“, fuhr Nuala fort. „Nicht immer können wir es festhalten. Aber überall hinterlässt es seine Spuren.“
Sie öffnete ihre Hand.
Über ihrer Handfläche sammelte sich der Nebel zu einer kleinen, durchsichtigen Blüte. Ihr Stiel war gekrümmt. Die Blütenblätter hingen schlaff herab, als hätte sie lange keinen Regen mehr bekommen.
Nun war es ganz still am Ufer.
Quoril ließ wenige Tropfen auf die Blüte fallen.
Langsam hob sie ihren Kopf. Der Stiel richtete sich auf, und ein Blütenblatt nach dem anderen entfaltete sich. Mausi lächelte. Selbst Mini-Wurz beugte sich näher, um zu sehen, wie Nuala die feinen Formen zusammenhielt.
Dann zerfiel die Blüte in tausende winzige Tröpfchen. Einen Moment lang schimmerten sie über ihrer Hand, bevor sie zum See hinüberschwebten.
Muffel reckte den Kopf.
„Wieso kommt ihr eigentlich nicht zur Feuerwehr?“
Die Gäste lachten.
Nuala wartete lächelnd, bis es wieder ruhig wurde.
„Wir wünschen uns, dass wir auch im Alltag daran denken, wie kostbar unser Wasser ist. Dass wir gut darauf achten – und auf alle, die es brauchen.“
Quoril senkte die Hand. Der letzte Nebel zog sich zurück auf den See.
Am Ufer wurde kräftig geklatscht. Herr Hoppenstedt applaudierte ebenfalls. Anschließend schlenderte er zu Mausi und beugte sich zu ihr.
„Sehr eindrucksvoll“, sagte er leise. „Die Rede war stellenweise vielleicht etwas gekünstelt. Und ein wenig in die Länge gezogen.“
Mausi wandte den Kopf.
„Das sagst ausgerechnet du?“
Der Grashüpfer strich sich über die Weste.
„Ich weiß, wie schwer es ist, einen schönen Gedanken rechtzeitig zu beenden.“
Fortsetzung folgt …