Mausi stellte die Teetassen bereit, während Mini-Wurz die Erde im neuen Kräuterbeet lockerte. Sie hatte Herrn Dippel zum Tee eingeladen und ihn gebeten, bei dieser Gelegenheit den Boden zu prüfen. Bevor sie die Kräuter pflanzten, wollten sie wissen, ob noch etwas Sand oder Dünger nötig war.
Als der Regenwurm am Gartentor erschien, war er nicht allein.
„Ich habe meine Nichte mitgebracht“, erklärte er. „Fräulein Mima Mimosa. Sie ist gestern angekommen.“
Die Regenwurm-Dame neigte freundlich den Kopf. Ihr langes weißes Kleid war mit feinen Stickereien geschmückt. Über ihrer blütenverzierten Haube hielt sie ein zierliches Schirmchen.
Mini-Wurz begrüßte sie und ging mit Herrn Dippel voraus. Erst vor der Teelaube bemerkten sie, dass Mima fehlte.
Sie stand noch hinter einer Pfütze.
„Ist etwas?“, fragte ihr Onkel.
„Nein, nein. Ich überlege nur, wie ich hinüberkomme.“
Mini-Wurz betrachtete die Pfütze.
„Die ist nicht tief.“
„Aber sehr nass.“
„Ich dachte, Regenwürmer mögen Feuchtigkeit.“
„Durchaus“, erwiderte Mima freundlich. „Aber ich trage sie ungern am Kleidersaum spazieren.“
Er holte ein breites Brett und legte es darüber. Mima hob ihren Kleidersaum an und glitt vorsichtig hinüber.
„Vielen Dank. Nun habe ich dir gleich Arbeit gemacht.“
„Das Brett lag ohnehin hier herum“, sagte Mini-Wurz.
In der Teelaube schloss Mima ihr Schirmchen und schaute erfreut durch das Blätterdach.
„Wie schön hell es hier ist.“
Herr Dippel nahm neben ihr Platz.
„Mein Gästezimmer ist leider etwas dunkler.“
„Es ist sehr gemütlich“, versicherte sie. „Nur bekomme ich unter der Erde manchmal ein beklemmendes Gefühl.“
Ihr Onkel sah sie überrascht an.
„Das wusste ich nicht.“
„Das ist nicht schlimm.“ Sie lächelte ihm zu. „Ich bin sehr froh, bei dir wohnen zu dürfen. Auf Dauer wünsche ich mir wohl etwas mit mehr Tageslicht.“
Nach dem Tee führte Mausi ihre Gäste zum Kräuterbeet.
„Ich habe die Erde gründlich gelockert“, erklärte Mini-Wurz. „Sand könnten wir noch einarbeiten. Oder eine Düngekugel von Rollo.“
Herr Dippel glitt an den Beetrand und drehte seine untere Körperhälfte vorsichtig in die Erde. Einen Moment blieb er still.
„Sehr angenehm. Locker und schön krümelig.“
Er wandte sich an seine Nichte.
„Möchtest du auch mal testen?“
Mima hob ihren Kleidersaum ein wenig an.
„Lieber nicht. Weder meine Haut noch mein Kleid würden den Kontakt mit Erde besonders schätzen.“
Herr Dippel blickte an sich hinab.
„Das lässt sich bei der Arbeit kaum vermeiden.“
„Ich prüfe die Erde lieber mit Abstand.“
„Mit Abstand? Wie soll das gehen?“
Mima ging langsam am Beetrand entlang. An mehreren Stellen neigte sie den Kopf über die Erde.
„Welche Kräuter möchtest du pflanzen, Mausi?“
„Vor allem Thymian. Hier soll er mehr Sonne bekommen.“
Mima hielt inne und beugte sich noch einmal etwas näher.
„Dann würde ich etwas Sand einarbeiten. Die Erde ist schon recht reichhaltig. Rollos Düngekugel kannst du für andere Pflanzen aufheben.“
Mini-Wurz sah sie an.
„Du hast die Erde gar nicht angefasst.“
„Aber ich kann sie riechen.“
Herr Dippel prüfte die Stelle neben ihr. Er drehte sich etwas tiefer hinein und nickte nachdenklich.
„Tatsächlich. Sand wäre hier eine gute Ergänzung.“
Dann richtete er sich auf und betrachtete seine Nichte.
„Das hast du allein am Geruch erkannt?“
Mima lächelte.
„So bleibt wenigstens das Kleid sauber.“
Herr Dippel schaute von ihr zum Beet.
„Verzeih mir, aber das kann ich kaum glauben.“
„Dann schauen wir doch noch ein Stück weiter.“
Am nächsten Beet blieb Mima stehen. Sie neigte den Kopf und wartete einen Augenblick.
„Hier ist die Erde sandiger. Dazwischen liegen feine Ablagerungen vom Wasser. Weiter unten wird sie dichter.“
Ihr Onkel drehte sich hinein. Langsam sank er tiefer, hielt inne und kam wieder hervor.
„Ganz richtig. Feine Sedimente und darunter eine festere Schicht.“
Sein Blick ruhte staunend auf Mima. Sie ging bereits zum nächsten Beet.
„Hier wurde gut verrotteter Kompost eingearbeitet“, sagte sie. „Aber auf dieser Seite ist der Boden noch ziemlich fest.“
Herr Dippel prüfte auch diese Stelle. Als er sich wieder aufrichtete, schüttelte er bewundernd den Kopf.
„Auch das stimmt. Eine bemerkenswerte Begabung.“
Mini-Wurz klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Nun, alter Freund. Sieht aus, als könntest du in den Ruhestand gehen.“
„Oh, keineswegs“, wandte Mima ein. „Ich kann sagen, wie die Erde beschaffen ist. Aber davon wird sie nicht lockerer.“
Sie betrachtete die Erdkrümel an ihrem Onkel und trat vorsichtig einen Schritt zurück.
„Diese wichtige Arbeit überlasse ich sehr gern dir. Die Vorstellung, selbst überall Erde am Körper zu haben …“
Sie schüttelte sich ein wenig.
Mini-Wurz lachte.
„Einen Regenwurm, der keine Erde und kein Wasser mag, habe ich auch noch nicht getroffen.“
Mausi führte sie zum Kräuterbeet zurück.
„Dafür wissen wir jetzt, was noch fehlt.“
Mini-Wurz holte den Sand und griff nach seiner Grabegabel. Herr Dippel wollte sich der festeren Stelle im anderen Beet widmen.
Mima trat ein Stück zurück und spannte ihr Schirmchen auf.
„Ich hoffe, ihr nehmt es mir nicht übel, wenn ich euch von hier aus Gesellschaft leiste.“
Mini-Wurz stach die Gabel ins Beet.
„Solange du mir sagst, wann genug Sand drin ist.“
„Sehr gern.“
Sie betrachtete noch einmal das Brett über der Pfütze.
„Und das könntest du bis zu unserem Rückweg liegen lassen?“
Mini-Wurz nickte.
„Das bleibt liegen.“
Dann wandte er sich wieder dem Beet zu. Dass er einmal einem Regenwurm trockenen Weges durch den Garten helfen müsste, hätte er auch nicht gedacht.