Südwestlich des Zaubergartens, am Rand des alten Weges zur Veranda, steht der Kobold-Brunnen.
Er wirkt gepflegt, beinahe makellos, und doch geht von ihm etwas Unheimliches aus.
Die Steine sind glatt und fest gefügt, als hätte jemand sie erst gestern poliert.
Über dem Brunnen ragt eine steinerne Fratze – mit weit aufgerissenen Augen, spitzen Ohren und einem Mund, der zu sagen scheint: „Komm doch her, wenn du dich traust.“
Von oben wirkt der Brunnen leer.
Doch wer sich über den Rand beugt, erkennt, dass das Dunkel kein Ende nimmt.
Man sieht kein Wasser, hört keinen Tropfen – nur Stille, dicht und endlos.
💧 Das Herz des Wassers
Der Kobold-Brunnen gilt als eine der wichtigsten Wasseradern Horvis.
Er steht mit mehreren Gewässern in Verbindung – mit den Flüsterquellen, dem Moos-See, dem Spiegelsee und vielleicht sogar mit dem Meer hinter der Zinkwannen-Bucht.
Manche nennen ihn einen Knotenpunkt des Wassers – einen Ort, an dem sich die Ströme unter der Erde kreuzen.
Was geschehen würde, wenn der Brunnen je versiegte oder zerstört würde, kann niemand sagen.
Doch in Horvi erzählt man sich genug Geschichten darüber – und keine davon endet gut.
„Ich halt den Brunnen in Schuss. Nicht für den Kobold, sondern für Horvi.“
🌑 Der Brunnenkobold
Tief unten soll ein Kobold leben, der über die unterirdischen Wasserwege wacht.
Er sorgt dafür, dass die Quellen nicht versiegen und die Seen in Bewegung bleiben.
Keiner weiß, wie er aussieht. Manche sagen, er habe die Gestalt eines alten Wasserschattens.
Mini-Wurz hofft nur, dass er nicht aussieht wie die Fratze über dem Brunnenrand.
Ob der Kobold wirklich existiert, ist unklar – doch manchmal, wenn der Wind still steht, hört man aus der Tiefe ein leises Gluckern, als würde jemand unten lachen oder seufzen.
Dann heißt es, der Kobold sei zufrieden.
„Ich sag immer: Wasser ist wie Vertrauen – wenn’s einmal versiegt, dauert es, bis es wiederkommt.“
🪙 Gaben an die Tiefe
Früher brachten die Bewohner Horvis kleine Gaben an den Brunnen: Beeren, Äpfel, Blüten oder glänzende Steine.
Am nächsten Morgen waren sie immer verschwunden – man glaubte, der Kobold habe sie angenommen, um milde zu bleiben und weiter für den Wasserfluss unter Horvi zu sorgen.
Mit den Jahren wurden die Gaben seltener.
Erst brachte man sie nur noch zu besonderen Tagen, später vergaß man sie ganz.
Nur Mini-Wurz, Mausi und Rosie halten die alte Sitte noch aufrecht:
- Mini-Wurz prüft regelmäßig den Stein und flickt kleine Risse.
- Mausi pflanzt Kräuter am Brunnenrand und hält ihn sauber.
- Rosie streut Rosenblätter auf den Rand – eine kleine Aufmerksamkeit für den Kobold.
Manchmal glaubt man, in der Tiefe ein leises Rauschen zu hören, das fast wie ein Dank klingt.
„Ich streu Rosenblätter, damit der Brunnen weiß, dass noch jemand an ihn denkt.“
🌙 Das Schweigen von Horvi
Der Kobold-Brunnen ist kein Ort zum Wünschen, sondern zum Nachdenken.
Er wirkt still, beinahe leer, und doch weiß jeder, dass er mehr verbirgt, als man sieht.
Sein Schweigen ist kein Zeichen von Ruhe, sondern von Tiefe.
Was dort unten geschieht, bleibt unklar – und vielleicht ist das besser so.
Solange der Brunnen steht, ist alles gut.
Und wenn er schweigt – dann, sagt Mausi, ist Zeit für Tee.