Am östlichen Rand von Horvi liegt der Nebelwald – ein Ort, der schon von Weitem eine besondere Stille ausstrahlt.
Seine hohen Tannen stehen dicht beieinander, und der Nebel scheint nie ganz zu verschwinden.
Mal liegt er wie ein grauer Schleier zwischen den Stämmen, mal hängt er schwer in den Kronen, als atme der Wald langsam ein und aus.
Die Luft ist feucht, kühl und still, und selbst die Vögel scheinen hier leiser zu zwitschern.
Der Nebelwald ist riesig und reicht bis in den Norden, wo seine Bäume fast die Silberberge berühren.
🌫️ Wenn der Nebel die Richtung frisst
Wer den Nebelwald betritt, verliert sofort das Gefühl für Richtung.
Schon nach wenigen Schritten ist der Rand verschwunden – als hätte ihn der Wald einfach geschlossen.
Einmal wagte Mini-Wurz ein paar Schritte hinein.
Hinter ihm war plötzlich kein Licht mehr. Wo eben noch offenes Land lag, stand dichter Wald.
Mit Glück fand er wieder heraus.
„Hier drin hat selbst die Sonne Orientierungsschwierigkeiten“, murmelte er später.
Die wenigen, die es ausprobiert haben, erzählen Ähnliches:
Es ist, als würde der Wald einen Vorhang schließen, sobald man ihn betritt.
🌾 Mini-Wurz und die Nadelerde
Mini-Wurz ist der Einzige, der sich regelmäßig an den Rand des Waldes wagt.
Er sagt, es sei zwar unheimlich hier, aber die Nadelerde sei magisch – das Beste, was Horvi zu bieten hat.
Schon eine winzige Menge davon lässt seine Hortensien und Blaubeeren wachsen, als wollten sie den Himmel erreichen.
Und seine Funkien? Die lieben sie besonders – vielleicht ist das auch der Grund, warum das Tal der Funkien direkt vor dem Nebelwald liegt.
„Für meine Funkien ist mir kein Weg zu weit, kein Nebel zu dicht und kein Eimer zu schwer.“
🧵 Sicher ist sicher
Um den Rückweg zu sichern, hatte Mini-Wurz einmal versucht, eine Schnur zu verwenden.
Er band sie an den äußersten Baum und ging vorsichtig hinein.
Schon nach wenigen Schritten sah er den Ausgang nicht mehr – und mit Schrecken, dass er das lose Ende der Schnur hinter sich herzog.
Die Nadelbäume dulden keine Fremdkörper, und nur mit Glück fand er wieder hinaus.
Seitdem begleitet ihn Mausi bei seinen Sammelaktionen. Sie bleibt draußen und hält die Schnur fest – nur für den Fall.
Von außen kann sie Mini-Wurz noch sehen, vielleicht drei, vier Meter weit.
Doch für Mini-Wurz verschwindet alles. Er sieht nur Wald und Nebel, wo eben noch Mausi stand – und das Stück Schnur, das wie abgeschnitten in der Luft hängt und den Ausgang markiert.
„Ich halt lieber die Schnur. Wenn er weg ist, hab ich wenigstens was, woran ich ziehen kann.“
🌙 Rosies Ruf
Rosie fliegt selten hierher, aber wenn, bleibt sie lange am Rand stehen.
Ihr Kopf sagt, sie solle umdrehen, doch in ihrem Bauch zieht etwas, das sie nicht erklären kann.
Man erzählt, ihre Ur-Ur-Ur-Großmutter habe einst im Nebelwald gelebt – vielleicht als Hüterin, vielleicht als Teil des Nebels selbst.
Niemand weiß, ob sie noch existiert; Elfen werden sehr alt, aber kaum jemand zählt ihre Jahre.
Rosie kennt sie nur aus Geschichten, doch manchmal meint sie, eine vertraute Stimme zwischen den Tannen zu hören.
„Der Kopf sagt: Lauf weg. Aber im Bauch zieht etwas, das ich nicht benennen kann.“
🍃 Der Rand der Welt
Der Nebelwald markiert die östliche Grenze von Horvi.
Südlich liegen die Moore, nördlich die Silberberge – und dahinter beginnt das, was niemand kennt.
„Hier endet Horvi“, sagen viele. Vielleicht stimmt das.
Vielleicht aber ist der Nebel nur eine Pause, bevor Horvi weitergeht.