Am südöstlichen Rand von Horvi, zwischen der Sonnenschein-Lichtung und dem Moos-See, steht eine schmale Holztreppe mit Geländer, die scheinbar in den Himmel führt.
Sie beginnt mitten im Gras, hebt sich leicht an – und endet abrupt in der Leere. Keine Plattform, kein Ziel, kein Hinweis darauf, wozu sie je gebaut wurde.
Das Holz ist hell und erstaunlich gut erhalten, kein Moos, kein Verfall – nur glatte Stufen, auf denen sich das Licht des Morgens fängt.
Niemand weiß, wer sie errichtet hat. Manche sagen, sie stamme vom selben Architekten wie die vergessene Veranda, die ebenfalls unvollendet blieb.
Andere glauben, hier habe einst ein Aussichtsturm gestanden, doch keine Spur zeugt davon – nur diese Treppe, unbeirrbar und ganz sicher kein Zufall.
✨ Spirri – das goldene Wesen
Wer am Fuß der Treppe steht und das Geländer berührt, ruft ungewollt ein kleines, golden schimmerndes Wesen hervor: Spirri.
Es erscheint auf der obersten Stufe, gleitet nach unten und bleibt direkt vor den Füßen des Besuchers stehen.
In seinen Händen hält es stets einen Zettel, auf dem zwischen einem und fünf kleinen Zeichnungen zu sehen sind – mal Früchte, mal Blätter, mal rätselhafte Symbole.
Spirri legt den Zettel wortlos auf die unterste Stufe, läuft wieder hinauf und löst sich auf – als verschwände es im Nichts, aus dem es kam.
Mini-Wurz besitzt bereits mehrere dieser Zettel, die er sorgfältig in einer kleinen Holzkiste sammelt. Kein Zettel gleicht dem anderen, doch manche Motive kehren wieder.
Rosie glaubte anfangs, Spirri habe einfach Hunger.
Sie brachte ihm eines Tages einen Apfel, legte ihn auf die Stufe und berührte das Geländer. Spirri kam, musterte den Apfel, legte wie immer einen Zettel ab – und verschwand. Der Apfel blieb liegen.
„Vielleicht malt Spirri einfach nur gerne...“
Da Spirri nicht spricht und sich stets in einem leichten Schimmer auflöst, gaben ihm die Bewohner Horvis seinen Namen – nach dem kleinen spiralförmigen Leuchten, das für einen Atemzug in der Luft tanzt, wenn er verschwindet.
🪵 Die Eigenart der Treppe
Die Treppe besteht aus 17 Stufen, doch wer hinaufsteigt, erlebt eine seltsame Überraschung.
Sobald man die erste Stufe betritt, erscheint am oberen Ende eine weitere.
Egal, wie weit man steigt – am oberen Ende erscheinen immer neue Stufen.
Und das Holz knarrt leise, als würde es selbst darüber nachdenken, wohin es eigentlich führt.
🧭 Mini-Wurz und der Aufstieg
Natürlich konnte Mini-Wurz nicht widerstehen.
Er begann eines Morgens mit entschlossenem Blick, einem Proviantbeutel und dem festen Vorsatz, das Geheimnis zu lüften.
Bis Stufe 53 schaffte er es, bevor ihm schwindlig wurde und er kaum noch wusste, ob er hinauf- oder hinunterstieg.
Mit zitternden Beinen erreichte er schließlich wieder den Boden – und schwor, es nie wieder zu tun.
„Ich schwöre, sie war beim Abstieg noch länger als beim Aufstieg. Das ist doch nicht normal!“
Doch die Treppe ließ ihn nicht los.
Er ist überzeugt, dass zwischen Spirri, den Zetteln und der endlosen Treppe ein Zusammenhang besteht.
Seitdem verbringt er Abende damit, die Zeichnungen zu vergleichen und Muster zu suchen.
🌫 Gerüchte über das Ende
Viele glauben, dass sich am oberen Ende ein verborgener Ort befindet – ein Plateau, eine Brücke, vielleicht ein Stück von Horvi, das in einer anderen Zeit liegt.
Doch niemand hat je den Beweis gefunden.
„Ich bin ans obere Ende geflogen. Da ist nichts!“
Und so bleibt die Treppe, was sie ist: ein Rätsel aus Holz und Stille, das nur mit Geduld, Mut und vielleicht etwas Glück zu entschlüsseln ist.